Von Rolf Schneider

König Ludwig II. von Bayern gehört zu jenen monarchischen Herrschern, deren absolute Glücklosigkeit einer zählebigen und umsatzstarken Popularität nicht bloß nicht im Wege war, sondern diese erst eigentlich befeuerte. Ein ähnliches Beispiel liefert das ungefähr gleichzeitige Beispiel des österreichischen Kaisers Franz Josef, dessen Borniertheit, die ihm zu Lebzeiten rechtens viele innenpolitische Feinde eintrug, nichts an seiner quälenden, aus Kitsch und Sehnsucht süßlich gemischten Beliebtheit unter heute lebenden Österreichern ändert.

Nun war Franz Josef, wie immer man ihn nimmt, jedenfalls eine geschichtlich relevante Person. Der bayerische Ludwig war nicht einmal das. Seine Bedeutsamkeit tendiert gegen Null, und es gibt gerade zwei Umstände, die ihn aus dem Gros der anderen, der heute völlig vergessenen deutschen Territorialfürsten seines Zeitalters herausheben. Der eine ist seine verschwenderische Förderung Richard Wagners. Der genialische Schnorrer aus Sachsen hätte sein Werk vermutlich nicht so zügig zu Ende bringen können, und ganz gewiß wäre Bayreuth nicht zum Wagner-Festspielort geworden, ohne Zutun des Königs. Der andere Umstand ist dann jene Rolle, die er in Otto von Bismarcks grandioser Hintertreppen-Inszenierung zur Herstellung des Deutschen Reiches spielen durfte und die unter dem Kennwort "Kaiserbrief" ablief: ein von Bismarck erdachtes und von Ludwig mit der Hand kopiertes Schreiben legte die deutschen Herrscher zwischen Alpen und Nordsee auf die Hohenzollern als deutsches Kaisergeschlecht fest.

Das aber ist es schon. Ludwigs umfänglichste Leistung, seine Schloßbauten, sind von derart groteskem architektonischem Geschmack, daß nicht einmal unsere postmodern sensibilisierten Nerven darauf gnädig reagieren mögen, und nach wie vor handelt es sich um Objekte für den Klamauk-Tourismus, der kunsthistorische Wert ist nämlich wie bei Disneyland. Ist es da erforderlich, daß dem bayerischen Ludwig eine neue Monographie nach der anderen nachgeschickt wird? Vom Standpunkt der wissenschaftlichen Vernunft ist es der reine Aberwitz, vom Standpunkt des Kommerzes scheint es indessen riskabel. Die Logik in Disneyländern hat ihre eigene Art.

Ihr beugt sich beispielsweise Franz Herre. Er ist ein angesehener und vorzüglicher Biographien-Schreiber. Es gibt von ihm Bücher über Metternich, Moltke und den Freiherrn vom Stein, über Radetzky, Deutschlands Wilhelm II. und den erwähnten Franz Josef. Herre wandelt in Emil Ludwigs Spur.

Franz Herre: Ludwig II. von Bayern. Sein Leben – Sein Land – Seine Zeit; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1986; 398 S., 39,80 DM.

Franz Herre erzählt von der wechselvollen Geschichte Bayerns in den Jahrhunderten und von der krausen Geschlechtsabfolge im Hause Wittelsbach. Das ist lebendig und lehrreich. So bündig hat man es selten beieinander. Dann wendet sich Herre dem traurigen König zu. Wir haben zu befinden, daß der Biograph seine schon dutzendfach ausgepreßte Materie besonders artig auswringt. Erhebliches kommt, dem Gegenstande entsprechend, nicht ans Licht. Man erfährt also von erblicher Belastung, von der männlichen Schönheit des jungen Prinzen, wobei korrekt angemerkt wird, daß da ein anatomisches Mißverhältnis herrschte zwischen zu großem Leib und zu kleinem Kopf. Man erfährt von Ludwigs Schöngeisterei, von seinem Louis-Quatorze-Tick, von seiner Homosexualität, von seiner pubertären Schwärmerei für Sissy von Österreich, von seinem Verlöbnis mit der armen Sophie. Man erfährt von Wagner, Bismarck und beginnender Paranoia. Zuletzt war des Königs Schuldenberg so gewaltig und das Murren im Volk so groß, daß man ihn entmündigen mußte. Er wurde interniert im Schlosse Berg. Am 13. Juni 1886 unternahm er mit seinem medizinischen Aufpasser, dem führenden deutschen Psychiater von Gudden, einen Abendspaziergang. Stunden später fischte man beider entseelte Leiber aus dem Starnberger See. Gerichtsnotorische Untersuchungen ergaben: Ludwig hatte sich ertränken wollen; der Arzt, der ihn daran zu hindern versuchte, wurde von Ludwig getötet, ehe dieser sich selbst umbrachte.