Ein junger Mann, Mathematikstudent, verunfallt mit seinem Motorroller. Nahezu alles; was an einem Menschenleib brechen kann, ist gebrochen, auch der Schädel. Verletzungen am Stamm- und Großhirn lassen das Schlimmste befürchten. Aber er wird gerettet, gewinnt sein Bewußtsein und, unter monatelangen Strapazen, den Gebrauch seiner Glieder und der Intelligenz zurück. Diesen Prozeß begleitet er mit einem Protokoll.

Er prüft buchstäblich seine Reflexe, probiert, eine Etage höher, Reflexionen aus. Er setzt seine mühsam wiedergewonnene Person nicht nur zusammen, sondern auch auseinander – mit allem, was sie quält, behindert, fördert. Das ist vorläufig, mit erdrückender Ausschließlichkeit, die Welt des Spitals. "Stahlbein" empört sich in Worten und tätlich gegen den Zwangsaufenthalt, gegen "Oberteufel" und "Helfershelfer". Der satanische Fußschmerz, den sie ihm weder nehmen können noch abnehmen wollen, treibt ihn zum Wahnsinn und beinahe zum Selbstmord. In jedem Besucher, sucht er den Bundesgenossen zur Flucht, die beim zweiten Anlauf tatsächlich gelingt. Im Spitalnachthemd, mit offenen Wunden und ohne Fahrkarte, läßt sich der Ausreißer im Rollstuhl von ahnungslosen Menschenfreunden zur Bahn schieben, die ihn wenigstens aus dem gefühlsarmen "Löwenbruck" in das heimatliche "Bärenburg" und in die Nähe der Eltern befördert. Vom Spitalleben aber ist auch da kein Entrinnen.

Immerhin hat ihm die kleinere Stadt "menschliche Erleichterungen" zu bieten, denen bei dieser Schwerarbeit von Genesung eine Schlüsselrolle zukommt. Ihr Fortschritt wird gewissermaßen durch Bezugspersonen dargestellt, gescholtene, gelobte, geliebte Adressaten für die Grund-Bedürfnisse des Wieder-Geborenen. Diese verlangen nach Befriedigungen, die der Spitalordnung ins Gesicht schlagen. "Stahlbein" brüllt seinen Schmerz heraus, stillt sich unaufhörlich mit Zigaretten. Unfallbedingte Regressionen, die der medizinische Apparat als "Renitenz" behandelt, wirkliche Partner der Genesung spüren, daß die Revolte dazugehört, als Ausdruck des Lebenstrotzes, und lernen ihre Kindlichkeit zu ertragen.

Daniel Meys "Stahlbein" läßt sich lesen – und hören – als fulminantes Pamphlet gegen eine Medizin, die zwar Notfalle retten, aber mit der Not nicht umgehen kann. Gegen die Routine der Gefühllosigkeit hat der Autor einige bitter ernst gemeinte Vorschläge zur Güte zu machen. Aber die besondere Qualität des Protokolls besteht darin, daß es dem Verfasser nicht ganz gegen seinen Willen und nicht ohne sein Zutun – zum Schelmenroman geraten ist. Er hat nicht nur den "Bericht vom Überleben eines Unfalls" geschrieben. Er hat den Anspruch des Lebens gegen den Tod in jeder Form angemeldet und er ist ihm nicht zuletzt dank seinem Spieltrieb von der Schippe gesprungen. Mit erheiternder und erschütternder Unverdrossenheit inszeniert er das schwarze Theater einer fast tödlichen Verletzung als Erlösungsmärchen. Er hält sich – mit Recht – für gerettet, wenn er dabei so groß wie möglich, nämlich als liebenswürdiger Prinz herauskommt. Am Ende ist es seine sauer verdiente, aber von allem Sauren befreite Selbstliebe, die die Bedrohung des Lebens gleichsam entwaffnet hat. Und den Leser damit.

Ist das schon – oder noch – Literatur?

Sicher kann man nur sagen: das Büchlein ist bei weitem heller als diese Frage. Dem Rezensenten tut es wohl, bald zehn Jahre nach "Mars" ein Buch aus der Schweiz anzuzeigen, dem sein "Zorn" gerade noch rechtzeitig zur Lebensrettung seines Verfassers gedient hat. "Ich schrie nicht mehr: weder aus Schmerz noch aus Freude", meldet er am Ende. Damit ist für seine Umwelt die Genesung gelungen. Für ihn nicht. Der Unfall hat ihm nicht nur etwas zugefügt, sondern auch etwas beigebracht. Das ist eine Hoffnung, die wir gebrauchen können – nach Tschernobyl.

Daniel Mey: "Stahlbein – Bericht vom Überleben eines Unfalls"; Pendo Verlag, Zürich, 1986; 200 S., 26,80 DM.

Adolf Muschg