Die deutsche Elf in Mexiko ist bei Bedarf durchaus steigerungsfähig

Von Horst Vetten

Nachdem Franz Beckenbauer, dem Teamchef, zum zweitenmal die Hutschnur gerissen war, fanden die neben der Mannschaft wohnenden Beobachter zu einer einheitlichen Meinungsbildung: Der Mann ist an der Grenze seiner Belastbarkeit, der schafft das nicht. Einmal hatte sich Beckenbauer über den Leistungsstand im deutschen Fußball ganz allgemein und zum anderen über die Bundesliga im besonderen ausgelassen. Quintessenz: Es werde ihm zugemutet, mit dem Mittelmaß nach den Sternen zu greifen.

Das andere war ein vergleichsweise geringfügiger Anlaß: Ein mexikanischer Journalist hatte ein wenig im Nebel herumgestochert und war dabei wohl auch zum eigenen Erschrecken in ein Wespennest gestoßen. Eine zunächst vom Spanischen ins Deutsche und dann rückwärts jeweils falsch übersetzte Version seiner Darstellung hatte den Eindruck erweckt, als herrsche im deutschen Lager fröhliches Junggesellentreiben. Der genervte Teamchef erbot sich daraufhin in öffentlicher Fernsehsendung, den Urheber der Meldung (nicht die fahrlässigen Übersetzer) an der Gurgel zu nehmen. Besagte Fernsehsendung gehörte noch zu den verwackelten der ersten Tage, und so kam Beckenbauers dazu passende Geste beim deutschen Volk nicht so recht über.

Eine peinliche Szene

Um so mehr aber bei den zuschauenden Fußballreportern im Lager der deutschen Mannschaft. Weil nun auch der Meldungsurheber, ein Mensch mit dem schönen deutschen Namen Hirsch, seine Forken zeigte, mündete die Angelegenheit in eine erheiternde Mischung von Latino-muy-macho-Männerwürde und germanischer Humorlosigkeit. Jedenfalls mußte sich Franz Beckenbauer feierlich entschuldigen, welche Szene noch durch den Sprecher des Deutschen Fußballbundes, eines Mannes namens Holzschuh, zur besonderen Peinlichkeit geriet. Nur kann man es dem Mann selbst nicht anlasten; denn angeworben hat ihn sein Präsident Hermann Neuberger, der in der Auswahl wichtiger Mitarbeiter und Zuarbeiter stets wunderbar danebengreift (was allerdings auch Raffinesse sein könnte; so steht er nicht immer allein im Fettnäpfchen).

Nun hat es eine Fußball-Weltmeisterschaft aber so an sich, daß alles zweitrangig wird, wenn der Ball erst einmal rollt. So zerknüllten einige Chronisten schon nach dem ersten Spiel der deutschen Mannschaft ihre Kommentare zur Rettung germanischen Ansehens, als die deutsche Mannschaft mit einem Punktgewinn in das Spielgeschehen eingriff. Hirsch hin, Oberhirsch her: Jetzt regierte endlich König Fußball, und der "Kaiser" Beckenbauer war wieder sein Prophet. Mutmaßungen über Beckenbauers Kompetenz wurden vorsorglich hintangestellt und weitere Blamagen dadurch vermieden. Denn: Nach dem 1:1-Unentschieden gegen Uruguay holte die deutsche Mannschaft in einem schnellen und überzeugenden Spiel, das man dazu noch als richtig schön bezeichnen darf, einen hochverdienten 2:1-Sieg gegen Schottland. Damit hat sie, wie es in der Branche heißt, die halbe Miete bezahlt, und die Medienvertreter im deutschen Lager mühen sich seither eifrig, nicht noch einmal auf dem falschen Fuß Hurra zu schreien.