Von Matthias Naß

Wenn Deng Xiaoping von der Zukunft spricht, dann tut er dies mit der Gelassenheit eines gewissenhaften Hausvaters, der sein Erbe in guten Händen weiß. Bald 82 Jahre alt, hat sich der Modernisierer Chinas inzwischen aus der Tagespolitik zurückgezogen. Anfang des Jahres trat er 14 Wochen lang nicht in der Öffentlichkeit auf. Gerüchte wucherten, von einer schweren Erkrankung war die Rede. Doch Ende März tauchte Deng plötzlich wieder auf und erklärte vergnügt, er habe einmal demonstrieren wollen, daß es auch ohne ihn gehe.

Geht es wirklich ohne Deng? Haben die Reformen, jetzt im siebten Jahr, auch ohne den großen Reformer Bestand? Deng Xiaoping ist seit längerem bemüht, die Zweifel an der Kontinuität des von ihm eingeschlagenen Kurses zu zerstreuen. "In fünf Jahren bin ich nicht mehr hier", vertraute er sich dem japanischen Ministerpräsidenten Nakasone an, als dieser im Frühjahr 1984 zu Besuch in Peking weilte. "Wenn der Himmel einstürzt, können Hu Yaobang und Zhao Ziyang ihn tragen."

Deng Xiaoping weiß, welche Herkuleslast er seinen beiden Erbwaltern aufbürdet. Doch er kann beruhigt auf den Tag blicken, da er – wie chinesische Kommunisten es gern ausdrücken – Marx gegenübertritt, hat er doch rechtzeitig für seine Nachfolge Sorge getragen. Seit 1980 führt das von ihm protegierte Tandem – Hu Yaobang an der Spitze der Partei, Zhao Ziyang als Chef der Regierung – die politischen Geschäfte der Volksrepublik.

Hu Yaobang kann sich als Generalsekretär der mit über 40 Millionen Mitgliedern weltweit größten kommunistischen Partei bei seinem ersten Besuch Westeuropas, der ihn dieser Tage nach London, Bonn, Paris und Rom führt, großer Aufmerksamkeit sicher sein. Viel ist hier nicht bekannt über den Mann, der seine Karriere im Schatten und unter dem Schutz Deng Xiaopings machte. Ihre persönliche Freundschaft geht auf das Jahr 1949 zurück, als sie gegen Ende des Bürgerkriegs in der Zweiten Feldarmee der Kommunisten, deren Politkommissar Deng war, zusammenarbeiteten. Nicht nur äußerlich ähneln sie einander: Beide sind von kleiner Statur und zupackender Energie. Gemeinsam ist ihnen auch die Abneigung gegen ideologische Dogmen; in ihrem politischen Handeln lassen sie sich eher von praktischer Erfahrung als von marxistischen Lehrsätzen leiten.

Nach dem Sieg der Kommunisten wurde Hu 1952 die Führung des Jugendverbandes übertragen. 1956 wurde er auf dem 8. Parteitag der KP, damals 41 Jahre alt, als jüngstes Mitglied ins Zentralkomitee gewählt. Mit dem Beginn der Kulturrevolution 1966 fand seine steile Parteikarriere ihr vorläufiges Ende. Als enger Gefolgsmann des nach Ansicht der radikalen Linken auf den "kapitalistischen Weg" abgeirrten Deng durfte er bei den fanatischen "Roten Garden" auf keine Gnade hoffen. Mit kahlgeschorenem Kopf mußte er auf allen Vieren durch die Straßen kriechen. Seine Peiniger ließen ihn anderthalb Jahre Schweineställe ausmisten und schickten ihn anschließend zur "Umerziehung" in eine Kaderschule.

Voller Verbitterung nannte Hu Yaobang die Kulturrevolution später "eine einzige Katastrophe". Sein kategorisches Urteil über das von Mao Tse-tung entfesselte Chaos: "durch und durch negativ". 1972 tauchte er vorübergehend als stellvertretender Direktor der Akademie der Wissenschaften wieder auf. Doch Dengs zweiter Sturz im Frühjahr 1976 ließ auch Hu erneut in Ungnade fallen. Die endgültige Rehabilitierung erfolgte im nächsten Jahr. Hu wurde wieder ins Zentralkomitee gewählt; 1978 stieg er ins Politbüro auf, 1980 in dessen Ständigen Ausschuß, das höchste Führungsgremium in der Volksrepublik China. Im selben Jahr wurde er Generalsekretär der Partei.