Von Gerhard Seehase

Das Gras ist feucht. Der Bach ließt unmittelbar an der Holzhütte vorbei, in der die Forellen-Winzlinge in Wasserkästen schwimmen. Peter Rössing, langjähriger Vorsitzender des "Verbandes Deutscher Sportfischer", nimmt einen der Behälter heraus und schüttet die vor Ort erbrüteten Fische in den Bach.

Die winzigen Forellen stemmen sich sofort gegen den Strom. Kleine Kämpfer, die nun in ihrem Element sind. Sie werden später, größer geworden, das ruhige Gewässer der Harzer Okertalsperre erreichen. Und dann werden die Menschen am Ufer versuchen, die Forelle wieder herauszuholen aus ihrem natürlichen Element. Manche schaffen das, ohne ihre Autos zu verlassen. Sie werfen ihre Angelruten aus und setzen sich dann bequem zurück in die Polster. Angeln aus der geöffneten Tür.

Aber an der Angel hängt mehr als nur der Fisch, der für den Kochtopf bestimmt ist. An ihr hängt ein Bündel von Problemen, die nicht mit dem fröhlichen "Petri Heil" gelöst werden, mit dem sich die Hobbyfischer begrüßen. Für Peter Rössing, den Steueramtsrat aus Hannover, ist die Aufzucht der Forelle viel wichtiger als das Angeln. "Wir müssen lernen", sagt er, "den Fisch, den wir angeln wollen, auch zu hegen."

In jedem Jahr setzt Peter Rössing zusammen mit einigen freiwilligen Helfern jeweils eine komplette Bachforellenbrut von rund 400 000 Winzlingen in die Zulaufgewässer der Oker aus. Die Forellen, so klein sie sind, kämpfen hier unter naturgemäßen Bedingungen ums Überleben. "Naturgemäß" heißt, daß das stark fließende Wasser viele Hindernisse hat und vor allem sauber ist. Nur die Stärksten erreichen schließlich den großen See, die Okertalsperre. Das sind zehn bis fünfzehn Prozent der Brut, die Peter Rössing jährlich aussetzt.

Im Touristenprospekt heißt es: "Die größte der Harztalsperren ist die Okertalsperre südöstlich von Goslar. Sie ist ein rechtes Wassersportparadies, und in den zahlreichen Buchten findet sich so manch stiller Winkel für den Angler."

Tatsache ist, daß sich in diesen stillen Buchten vermutlich keine einzige Forelle mehr angeln ließe, würde die Crew um Peter Rössing nicht Jahr für Jahr dafür gesorgt haben, daß der Fischbestand ständig erneuert wird.