Von Gottfried Sello

Barock in Dresden": Bevor noch irgend jemand die Ausstellung überhaupt gesehen hatte, wurde sie als das Kunstereignis des Jahres überschwenglich gelobt und gepriesen. Während der langen Vorbereitungsphase war davon die Rede, der Staatsratsvorsitzende persönlich werde, wenn er die Bundesrepublik besucht, die Mammutschau in der Villa Hügel eröffnen. Dazu ist es aus den sattsam bekannten, außerkünstlerischen Gründen zwar nicht gekommen. Aber, betont Berthold Beitz, der Initiator und Motor der Ausstellung, mit der die von ihm gegründete "Kulturstiftung Ruhr" sich zum erstenmal der Öffentlichkeit präsentiert, ohne Erich Honeckers wohlwollende Unterstützung hätte sich der Plan, Kunstwerke aus den Dresdner Museen in die Bundesrepublik zu schicken, nicht verwirklichen lassen. "Ich freue mich, daß es einer privaten Stiftung gelungen ist, mit dieser Ausstellung einen kultur-politischen Akzent zu setzen", erklärt der ehemalige Generalbevollmächtigte der Krupp-Werke. "Vorstand und Beirat der Kulturstiftung glauben, damit einen weiteren Schritt zur Annäherung wie zur Betonung der Gemeinsamkeit zwischen den Bürgern beider deutscher Staaten getan zu haben, dem hoffentlich weitere folgen."

Das kulturelle Erbe als einigendes Band zwischen den Völkern, speziell zwischen den beiden deutschen Staaten, davon war in den Grußworten vom Ministerpräsidenten Rau und vom Kulturminister der DDR Hans Joachim Hoffmann und in den weiteren Eröffnungsansprachen viel die Rede. "Barock in Dresden" hat eben auch eine politische Dimension, die dadurch noch unterstrichen wird, daß die Ausstellung immerhin noch vor der Unterzeichnung des deutsch-deutschen Kulturabkommens konzipiert und vorbereitet wurde. Sie ist eine Demonstration des guten Willens, der Verständigungsbereitschaft, der Zusammenarbeit zwischen den Museumsleitern in Dresden und in Essen. Nur, wenn man sich an die früheren spektakulären Darbietungen in der Villa Hügel, an die Koptische Kunst und Kunst aus Mexiko und dem Balkan erinnert, dann wird einem klar, daß "Kunst in Dresden" für uns heute schon ungefähr ebenso exotisch, unbekannt, unerreichbar geworden ist wie die Kunst der Südsee und daß dieser gewaltige Aufwand an Arbeit, Zeit und Geld nur deshalb notwenig ist, weil wir normalerweise die Dresdner Museen nicht besuchen können.

Also kommt August der Starke, kommt das augusteische Zeitalter zu Besuch in die Krupp-Residenz Villa Hügel. Jürgen Schultze, der Geschäftsführer der "Kulturstiftung Ruhr" und neuer Ausstellungsmacher für die Villa Hügel, hat das Haus mit Geschick und Witz für die Dresdner Gäste präpariert, indem er ihm etwas von seinem alten Pomp und Glanz wiedergegeben hat. Die Kassettendecken und Stukkaturen, die in der funktionell orientierten Nachkriegsära hinter eingehängten Decken und Stellwänden weitgehend verschwunden waren, durften wieder zum Vorschein kommen, der wilhelminische Neubarock bildet, an einigen Stellen, ein passendes Ambiente für die Exponate – schließlich ist die Dresdner Sempergalerie auch eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Mehr noch: Die ganze Ausstellung ist, im Konzept und auch in der Auswahl der Werke, auf die Räumlichkeit der Krupp-Villa zugeschnitten, die aus zwei riesigen Repräsentationsräumen und einem guten Dutzend Wohn- und Schlafzimmern, Kabinetten unterschiedlicher Größe besteht.

In der weiträumigen Eingangshalle ist, als Einführung und Einstimmung, die historische Abteilung "Kunst und Kultur in Sachsen" unter der Regentschaft von August dem Starken und seinem Sohn August III. untergebracht. Ein buntes Sammelsurium, mehr Zeughaus als Museum. Es zeigt die enormen Schwierigkeiten, eine Epoche in ihren geistigen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Dimensionen zu visualisieren – ein Dilemma, unter dem so viele historische Ausstellungen, und gewiß nicht nur in der DDR zu leiden haben. Soweit der Aspekt "Hof und Residenz" in Betracht kommt, geht es verhältnismäßig einfach. Die beiden Monarchen, gemalt oder in Marmor gemeißelt oder in Bronze gegossen, sind raumbeherrschend ins Zentrum gerückt. Sie werden von Beiottos berühmten Dresden-Veduten flankiert, die so gestochen scharf sind, daß sie als Vorlagen für den Wiederaufbau nach der Zerstörung gedient haben. Erlesene Möbel, kostbare Jagdgeräte, ein Zeremonialschwert, Prunkkostüme sollen eine Vorstellung vom Glanz der augusteischen Hofhaltung vermitteln. Aber wie soll man, ohne den Katalog zu Hilfe zu nehmen, wissen, daß die kurfürstliche Bergmannsgarnitur als ein Hinweis auf die grundlegende Bedeutung des Bergbaus und der Ökonomie für Kursachsen gemeint ist? Für Bergbau und Landwirtschaft, für die Arbeiter und die Bauern haben sich die in Sachsen tätigen Künstler nicht sonderlich interessiert. Einzig Johann Joachim Kändler, der bedeutendste unter den Meißner Porzellankünstlern, hat sich der Bergarbeiter angenommen und einen Obersteiger sowie einen Untersteiger modelliert, die es an weltläufiger Eleganz mit der Hofgesellschaft aufnehmen können.

In der Vitrine mit den sächsischen Musikalien kann man das Manuskript der h-Moll-Messe bewundern und erfährt aus dem Katalog, daß Bach sich mit dieser Komposition um den Titel eines Hof-Compositeurs beworben und ihn 1736 erhalten hat. Für die Literatur stehen Namen wie Winckelmann, dem August III. ein Rom-Stipendium bewilligte, und Lessing, der mit Sicherheit nicht zu den Lieblingsautoren des Königs gehörte.

Über die "historischen Voraussetzungen und Grundzüge" der augusteischen Ära berichtet Werner Schmidt, der Direktor des Dresdner Kupferstichkabinetts und Hauptorganisator der Ausstellung, in seinem informativen Katalogbeitrag. Er sieht die Vernachlässigung und Abwertung dieser sächsischen Epoche als Folge einer lautstarken preußischen Propaganda und zitiert in diesem Zusammenhang Heinrich von Treitschke: "Als die Prunksucht der Albertiner mit der Unzucht des polnischen Adels sich freundlich zusammenfand, trat der deutsche Absolutismus in seiner Sünde Blüte." Auch die Historiker und Kunsthistoriker der DDR zeigten zunächst wenig Neigung, die Verdienste der sächsisch-polnischen Monarchen zu erforschen. Erst unter dem Stichwort der "Erbepflege" und durch wissenschaftliche Hinwendung zur Territorialgeschichte hat eine Neubewertung und Wiederentdeckung eingesetzt.