Es gibt unansehnlichere Orte, an denen man zum unsterblichen Toten werden kann. Strahlend liegt der blaue Starnberger See vor dem Besucher; die Kulisse, die weißen Segel auf dem weiten Wasser vor dem sich eben abzeichnenden Gebirgskamm, zieht jeden Tag Tausende an diesen beliebtesten aller bayerischen Seen. Nur wenige Meter vom Ufer entfernt ist hier vor hundert Jahren, am 13. Juni 1886, der bayerische König Ludwig II. ertrunken, der "Märchenkönig", wie ihn eine anbetende Gemeinde und die Touristenwerbung nennen, der "Kini", wie er auf gut bayerisch im Volksmund heißt und für alle Zeiten heißen wird.

Ein vier Meter hohes einfaches Holzkreuz im Wasser markierte bis vor wenigen Wochen die Stelle, an der es geschehen ist, bis Tempelschänder in dunkler Nacht das Kreuz abgesägt und nur einen Stumpf hinterlassen haben. Dem Ensemble – das schlichte Kreuz im Wasser, ein mächtiges Kruzifix auf halber Höhe, darüber die ganz unbayerisch-protzige Votivkapelle – fehlt seitdem das einzige Element, das die Tragödie jenes Juniabends nachempfinden läßt.

Still ist es hier, nur wenige Menschen bestaunen die Kapelle. "Neo-merowingisch" sagt abschätzig eine Kunstbeflissene neben uns; auch Theoderichs Grabmal in Ravenna könnte eine Aktie haben – dem Kini hätt’s sicher gefallen. Auch der Mann am Andenkenstand paßt in die Landschaft.

Die "Drecksau Wöbking" führe er nicht, sagt er heftig; der habe "noch nach hundert Jahren den König beschmutzt". Der Westfale Wilhelm Wöbking – damit Preuße, und daran wird’s liegen –, der Kriminaldirektor in bayerischen Staatsdiensten Wöbking also hat es im Gedenkjahr anhand von bislang nicht zugänglichen Akten unternommen, den Todesfall mit modernen kriminalistischen Methoden noch einmal gründlich und strohtrocken unter die Lupe zu nehmen. Das Ergebnis hat im Großen nicht unerwartet bestätigt, was schon seit hundert Jahren als der wahrscheinlichste Ablauf gilt:

Der König, vom bayerischen Staat wegen Geisteskrankheit am 11. Juni entmündigt und auf Schloß Berg schonend gefangengesetzt, suchte während eines Spazierganges am Seeufer den Tod und riß den ihn begleitenden Psychiater Bernhard von Gudden, der ihn zurückhalten wollte, mit in den Tod. Nur hält Wöbking es für sehr wahrscheinlich, daß der König den ihm hinderlichen Arzt dabei erdrosselte; Ludwig, 1,91 Meter groß, war ein bärenstarker Mann, und an der Leiche des Arztes fanden sich Würgemale. Wie denn – der König ein Mörder und kein Mordopfer mehr, wie es der klassische Kini-Mythos will, weder von der weitreichenden Hand Bismarcks noch durch andere finstere Mächte? Auch keine Sissy mehr, die bayerische Kusine und Kaiserin von Österreich, die nächtens am See um die Ecke mit der Kutsche wartete, um den Vetter ins schützende Tirol zu entführen? Keine Verschwörung auch des Kini-Onkels und Nachfolgers mehr, des Prinzregenten Luitpold, der aus Machtgier den König für verrückt erklären und beiseite schaffen ließ? "Nein" sagt zu allem Wöbking, die Drecksau – zur Wut aller Jünger.

Die Jünger – sie machen dem Gedenkjahr erst den richtigen Dampf, die Wahrer und Wächter des Mythos. Ein halbes Hundert König-Ludwig-Vereine gibt es im Lande, plus Dachverband. Unverdrossen kämpfen sie gegen die Schmähung an, der König sei geisteskrank gewesen; sie akzeptieren keinen banalen Tod. Sie sammeln Reliquien, wie etwa die Planke des Kahns, auf der das Haupt des toten Königs ruhte (leider gibt’s die, wie nicht selten bei Reliquien, nicht nur einmal). Manche der Vereine, vor allem ihre ehrgeizigen Vorstände, sind in Sachen der reinen Lehre bitter untereinander verfeindet.

Nur hält die ernsthafte Geschichte nicht ganz so viel vom König Ludwig. Er gilt gewiß als tragische Figur, aber ein Monarch im akzeptierten Sinne war er nicht. Gerade die Schwärmer machen das deutlich: vom eigentlichen königlichen Amt ist bei ihnen nie die Rede, denn da ist wenig zu berichten. Ludwig, erst achtzehnjährig, hatte gerade "ein paar dürftige Vorlesungen", so der bayerische Historiker Benno Hubensteiner, hinter sich, als er 1864 König wurde. Sein Amt versah er im Grunde nur in den wenigen Jahren von 1864 bis kurz nach der Reichsgründung, zunächst mit Intelligenz, einem scharfen Urteil und, wenn er wollte, bestrickender Liebenswürdigkeit.