Von Rob Kieffer

Über den rußgeschwärzten Bahndamm rumpeln die Züge, im nahen Bahnhof quäken die Lautsprecher. Graue Häuserfassaden, häßliche Baustellen, abgetakelte Hotels, die diskrete Zimmervermietung "dag en nacht" anbieten, zerfetzte Kinoplakate, die Otto als "de nieuwe lachkoning" anpreisen – Antwerpens Bahnhofsviertel rund um die Pelikaanstraat ist auf den ersten Blick schäbig und schmuddelig.

Dann aber stechen die zahlreichen Leuchtreklamen ins Auge, die einen Brillanten als Firmensymbol zeigen. Auffallend viele Polizisten patrouillieren durch die Straßen des Viertels, und die meisten Hauseingänge werden durch breitschultrige Security-Männer überwacht, die aufgeregt in ihre Sprechfunkgeräte tuscheln. Die Aufschriften auf den Briefkästen verraten mehr: "groothandel in juwelen" steht da geschrieben, und die Firmen, die in den biederen Appartement-Blöcken ihre Büros haben, tragen Namen wie "Beldiamond", "Edelstein & Sons" oder "Universal Diamonds Co.". Die eilig hinter den Panzerglastüren verschwindenden Männer, viele von ihnen orthodoxe Juden, ganz in Schwarz gekleidet, mit dichten Barten und langen Schläfenlocken, sind die Händler, die dafür sorgen, daß Antwerpens jahrhundertealter Ruf als weltgrößtes Diamantenzentrum unangetastet bleibt. In der farblosen Bahnhofsgegend wird auf einer Fläche, die kaum größer ist als ein Quadratkilometer, mehr als die Hälfte des gesamten Weltumsatzes an geschliffenen Diamanten gehandelt. Auch als internationale Drehscheibe für Roh- und Industriediamanten ist Antwerpen marktführend. Allein im vergangenen Jahr wurden in der belgischen Großstadt für 6,5 Milliarden Dollar Edelsteine umgesetzt. Das Geschäft mit den edlen Steinen macht sechs Prozent des belgischen Bruttosozialprodukts aus. In der geschäftigen Stadt befinden sich gleich vier der insgesamt 19 über die ganze Welt verteilten Diamantenbörsen. 200 Schleifereien und eine florierende Zubehörindustrie sichern Tausende von Jobs.

Antwerpen wirbt zwar auch in den Fremdenverkehrsbroschüren mit dem verlockenden Titel "Diamond City", in Wirklichkeit aber gibt sich die Gilde der "diamantaires" recht zugeknöpft. Das Geschäft mit dem kostbarsten aller Edelsteine ist diskret und kann auf marktschreierische Promotion verzichten. Die meisten Besitzer von Diamantenschleifereien öffnen ihre Türen nur den Branchenkollegen, neugierige Touristen, die den hochqualifizierten Handwerkern über die Schulter gucken, sind ihnen ein Greuel. Da aber der "Höge Raad voor Diamant", der "Hohe Rat für Diamanten", eine Art übergeordneter Berufsverband des Edelsteinsektors, darum bemüht ist, das Image der Diamantenmetropole in der breiten Öffentlichkeit zu fördern, kann auch der Antwerpen-Besucher, der nicht unbedingt ein hochkarätiges und funkelndes Souvenir mit nach Hause nehmen möchte, einen kleinen Einblick bekommen in die geheimnisvolle Welt des Handels mit den luxuriösen Steinchen. Für Gruppen zwischen fünf und 20 Personen organisiert der "Höge Raad" Führungen durch Werkstätten mit einleitender Videoschau. Einzelpersonen können beim "Hohen Rat" die Adressen der Betriebe, die zu besichtigen sind, erfragen, das Diamantenviertel müssen sie aber dann auf eigene Faust erkunden. Bei solch einer privaten Tour sollte man nur aufpassen, wo man eintritt: Die Bezeichnung ,,Show-Room" ist in einigen Fällen nichts anderes als die Umschreibung für Verkaufsraum, und dem ahnungslosen Besucher wird mit sanftem Nachdruck das Kaufen und nicht das Schauen nahegelegt.

Aufschlußreich und faszinierend ist das Diamantenmuseum in der Jezusstraat, in dem man unter anderem Kopien legendenumwobener Diamanten, wie "Kohinoor" oder "Cullinan", bewundern kann. Jeweils samstags geben hier Diamanten-Handwerker eine Kostprobe ihres Könnens.

Ganz auf Touristen eingestellt ist "Van Moppes" in der Maarschalk Gerard-Straat, etwas abseits des Diamantenviertels. Mit einer audiovisuellen Schau, Hostessen, die in acht Sprachen durch die Werkstatt führen, täglichen Öffnungszeiten und einer kleinen Kantine gibt sich die 1828 gegründete Gesellschaft, deren Mutterhaus sich in Amsterdam befindet, ungewohnt besucherfreundlich. Es besteht zwar kein Kaufzwang, aber bereitwillig zücken die zuvorkommenden Damen die Taschenrechner, um Interessenten die in Dollar angegebenen Preise für die gefaßten und ungefaßten Diamanten in Mark, Yen oder Franc umzurechnen. "Etwa acht Prozent der Besucher kaufen auch ein Schmuckstück bei uns und profitieren davon, daß es bei uns keinen Zwischenhandel gibt", verrät Direktor Felix Van den Broeck.

Traditioneller Art sind die Ateliers von "Di Lady" in der Lange Herentals Straat, die ebenfalls Besuchern offenstehen. Die Werkstätten sind – ein Kontrast zu den erlesenen Rohsteinen, die hier verarbeitet werden – von altertümlicher Schlichtheit. Die ungeschliffenen Edelsteine, nach Farbe, Reinheit und Gewicht vorsortiert, werden erst einmal in der Mitte zersägt. Die 65 kleinen Sagemaschinen von "Di Lady" verursachen ein kreischendes Geräusch, das unangenehme Assoziationen an den Zahnarzt weckt. Eine hauchdünne Sägescheibe, mit einer Mischung aus Öl und Diamantenstaub beschichtet, frißt sich mit 15 000 Umdrehungen pro Minute in das härteste aller Minerale hinein. Es kann Tage, sogar Wochen dauern, bis ein Einkaräter entzwei ist. "Schauen Sie sich den an", sagt der Handwerker, der das Sägen mit der Lupe überwacht, "das ist ein ganz hartnäckiger Brocken, etwa 22 Karat schwer. An dem muß mindestens einen Monat gesägt werden. Dann wird er etwa 50 Prozent seines Gewichts in Form von Diamantenstaub eingebüßt haben."