Nächster Arbeitsgang ist das sogenannte Reiben, wobei die Grundflächen des zersägten Rohdiamanten abgerundet werden. Dies geschieht durch das Gegenhalten eines anderen, auf einem Holzstab befestigten Diamanten. Für diesen Prozeß sind Augen erforderlich, die Millimeter-Abweichungen wahrnehmen. Der Chef-Reiber, der dieses Präzisionshandwerk schon seit vierzig Jahren ausübt, erzählt stolz, daß er noch immer seine erste Brille trägt. Auf meine Frage, ob der Job nach soviel Jahren nicht eintönig wird, ernte ich Entrüstung: "Du kannst ein ganzes Leben mit Diamanten arbeiten und noch jeden Tag hinzulernen. Jeder einzelne Stein ist für uns anders, hat einen eigenen Charakter." Und schmunzelnd fügt der Meister hinzu: "Es gibt auch Steine, die sich nur widerspenstig fassonieren lassen, die launisch sind, halt nicht anders wie verschiedene Frauen auch."

In der Schlußphase wird der Stein auf einer mit Diamantenstaub beschichteten Scheibe geschliffen. Die Schleifer, einige mit Walkman, drücken den Stein mit einer Art Zange und in jeweils anderen Winkeln auf die rotierende Scheibe. So entstehen nach und nach die 57 Facetten eines Brillanten: die Tafel (die größte Facette in der Mitte), die 32 Facetten auf dem Oberteil und die 24 Facetten auf dem Unterteil. Dieser Schliff ermöglicht die optimale Lichtbrechung, die das wundersame Strahlen verursacht, das Frauen zum Schwärmen bringt und ihre Männer um das Gesparte bangen läßt.

Der "Antwerpener Schliff" genießt weltweites Renommee. "Cut in Antwerp" heißt bei Brillanten soviel wie "Made in Switzerland" bei Uhren. Schon der französiche König Franz I. wußte die Kunstfertigkeit der Antwerpener Schleifer zu schätzen. Anstatt die Aufträge an Pariser Handwerker zu vergeben, zog er es vor, seinen Schmuck in der Stadt an der Scheide herstellen zu lassen.

Der Aufschwung Antwerpens zum Diamantenzentrum begann 1498, als Vasco da Gama den Seeweg nach Indien am Kap der Guten Hoffnung vorbei entdeckte. Bald waren nicht mehr allein die indischen Maharadschas im wahrsten Sinne des Wortes steinreich, auch die portugiesischen Seefahrer deckten sich reichlich mit den begehrten Preziosen ein. Da eine maritime Route Lissabon-Antwerpen bestand, wurde die flämische Hafenstadt zu einem der engsten Handelspartner der Portugiesen. So blieb es nicht aus, daß auch die Edelsteine nach Antwerpen gelangten und die dortigen Schleifereien im 16. Jahrhundert eine große Blütezeit erlebten.

Später, im 17. Jahrhundert, als die Niederländer sich von den Spaniern loskämpften und die Scheide blockierten, bemächtigte sich Amsterdam des Diamantenmonopols. Als im 18. Jahrhundert die indischen Minen endgültig erschöpft waren und die Entdeckung von Diamanten in Brasilien nur kurzfristig Nachschub brachte, schien der Niedergang Antwerpens als Diamanten-Umschlagplatz besiegelt. Dann entdeckte 1866 ein südafrikanischer Bauer einen Diamanten am Ufer des Oranje-Flusses. In Südafrika brach daraufhin ein Diamantenrausch aus, der Rush auf die Kimberley-Mine setzte ein, bald ergatterte das De Beers-Syndikat das Diamantenmonopol. Die teuren Steinchen wurden hauptsächlich nach Antwerpen gebracht, die Ateliers florierten wieder, und die Rivalin Amsterdam war bald ausgebootet.

Eine Zwangspause brachte der Zweite Weltkrieg mit sich: Viele der in der Diamantenindustrie beschäftigten Juden mußten nach Übersee flüchten. Doch nach Kriegsende verstand es die belgische Regierung, die Händler mit großzügigen fiskalischen Begünstigungen wieder nach Antwerpen zu holen. So ist das Diamantenviertel zugleich Wohngegend der jüdischen Bürger, eines der letzten großen Gettos Europas. Entlang des Bahndamms offenbart sich eine eigene Welt mit rituellen Gesetzen, Synagogen, koscheren Restaurants und Läden. Über den Klingelknöpfen sind die "m’susess" eingelassen, kleine Hülsen, in denen sich Bibelverse befinden, die die Bewohner vor Unglück schützen sollen.

In den Straßen kann man den strenggläubigen Chassidim begegnen, mit ihren Pelzmützen, ihren Kniehosen und ihren ungeschnürten Schuhen, die Kinder tragen Scheitelkäppchen. Viele der Juden in dem Jerusalem des Nordens" genannten Viertel leben vom Geschäft mit den Diamanten. Die Verbundenheit der Juden mit diesem Berufszweig erklärt sich aus der Geschichte des leidgeprüften Volkes. Mußten sie flüchten, waren die teuren Steine oft das einzige Kapital, das sich leicht verstecken und transportieren ließ.