Von Bernd M. Kraske

Vor vierzig Jahren, am 6. Juni 1946, erhielt die Hamburger Akademische Rundschau als erste studentische Zeitschrift in der britischen Zone die Lizenz der Militärregierung. Lizenzträger war der damals 26jährige Student der Germanistik Karl Ludwig Schneider, der spätere Ordinarius für Literaturwissenschaft an der Universität seiner Heimatstadt Hamburg. Einem frühen Interesse folgend, hat er sich insbesondere durch die Vermittlung des literarischen Expressiomismus und durch seine mustergültigen kritischen Ausgaben der Werke Georg Heyms und Ernst Stadien einen international geachteten Namen gemacht.

Zusammen mit seinem Jugendfreund Joachim Heitmann, in dessen Hansischem Gildenverlag die Akademische Rundschau erschien, hatte Schneider bereits während des Krieges den Plan gefaßt, eine Zeitschrift zu gründen, deren Aufgaben er später so beschrieben hat: „Auseinandersetzung mit dem düsteren Erbe des Dritten Reiches, Besinnung auf die durch den Faschismus unterdrückten geistigen Traditionen und Befreiung aus der langjährigen Isolierung durch den Wiederaufbau der wissenschaftlichen und kulturellen Kontakte zum Ausland.“

Schneider, der die Hamburger Akademische Rundschau als verantwortlicher Redakteur prägte, hatte die Schrecken des NS-Regimes am eigenen Leibe schmerzvoll erfahren. Dem Hamburger Zweig der Widerstandsgruppe der „Weißen Rose“ zugehörig, wurde er verhaftet, kam ins Konzentrationslager und ins Zuchthaus. Mitte April 1945 wurde er befreit, wenige Tage bevor ein Prozeß vor dem Volksgerichtshof gegen ihn eröffnet werden sollte, der zwangsläufig mit dem Todesurteil geendet hätte.

Als ehemaliger politisch Verfolgter gehörte Schneider dem ersten Zentralausschuß Hamburger Studenten an, wie auch Hans-Joachim Lang, heute Ordinarius für Amerikanistik an der Universität Erlangen, der wegen einer halbjüdischen Abstammung seines Vaters ebenfalls zu den Verfolgten des NS-Regimes zu zählen ist. Lang war im Redaktionsstab der Akademischen ständiger Vertreter des verantwortlichen Redakteurs und darüber hinaus Lektor im Heitmannschen Verlag. Dr. Hermann Tiemann, der Direktor der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, war die dritte Säule des Unternehmens. Er repräsentierte in der Redaktion die Gruppe der akademischen Lehrer, die nach dem Willen der Gründer gemeinsam mit den Studierenden die Geschicke der studentischen Zeitschrift hätten leiten sollen, etwa nach dem Vorbild der Göttinger Universitäts-Zeitung. So liest man auch in den ersten Heften der Hamburger Akademischen Rundschau im Untertitel, Sie „herausgegeben von Dozenten und Studenten der Universität Hamburg“.

Sieht man von der aktiven Beteiligung Hermann Tiemanns einmal, ab, beschränkte sich die Mitarbeit der Dozenten auf gelegentliche Grußworte oder kleine Miszellen aus dem Universitätsleben. Aber auch aus der Hamburger Studentenschaft kamen nur vereinzelte Beiträge zu ihrer studentischen Zeitschrift. Die meisten redaktionellen Mitarbeiter stammten aus dem persönlichen Umfeld und Freundeskreis von Schneider und Lang. Conrad Ahlers, Jürgen Ponto, Curt Zahn und Alfred Schacht wären hier zu nennen, besonders aber die jüngeren Mitglieder der Redaktion, Peter Dreessen, Ludwig Schubert, Ralf Dahrendorf und Egon Schramm, die vor allem für die Beilage Der Anschlag schrieben, für die im Wintersemester 1947/48 ein eigenes Statut in Übereinkunft mit dem AStA entworfen wurde. Der Anschlag informierte hauptsächlich über universitäre Fragen und Probleme, während die Akademische selbst sich immer stärker zu einer literarisch-kulturellen Monatsschrift auswuchs.

Es gelang dem leitenden Triumvirat, ständige Mitarbeiter aus den Nachbarländern zu gewinnen, meist emigrierte deutsche Wissenschaftler und Jungakademiker, die Vertrauen faßten zu dem neuen Organ, das ihnen exemplarisch eine neue, demokratische deutsche Geisteshaltung vorführte. Käte Hamburger schickte Beiträge aus dem schwedischen Exil, Erich Heller meldete sich aus Wales zu Wort, Hans Jaeger aus London, Rudolf Meyer und Joseph Thomas aus Zürich. So war die Akademische schnell zu einer international geachteten und viel gelesenen Zeitschrift geworden, die einen Großteil ihrer Auflage im Ausland absetzte.