Die Strecke Aachen-Köln ist bei Bahnkunden im Dreiländereck die am meisten benutzte Route. 30 Mark hin und zurück sind für die 71 Kilometer zu zahlen, die auf dem Ticket stehen. Das Ärgerliche: Wäre die Strecke nur einen einzigen Kilometer kürzer, könnte jeder Aachen-Köln-Reisende vier Mark sparen. Bei nur ein bis zwei Fahrten pro Woche summiert sich das in drei Jahren auf runde tausend Mark. Aber das ist halt Pech.

Oder doch nicht? In dem Heftchen "Ihr Zugbegleiter" steht eine andere Entfernungsangabe: genau die berühmten 70 Kilometer. Das gleiche ist im Kursbuch zu lesen. Ja, was denn nun: 70 oder 71? Die Bundesbahndirektion wird’s wohl wissen. Doch die Schienenoffiziellen, um Auskunft gebeten, verwirren noch mehr: Tatsächlich sei die Strecke 70 Kilometer lang, und dennoch werden korrekt 71 Kilometer berechnet. Denn da gebe es einmal "Streckenkilometer", also die wirklichen Entfernungen zwischen den Bahnhöfen, und daneben "Tarifkilometer" als Berechnungsgrundlage. Aber, so die freundliche Bundesbahndirektion Köln, das sei ja "im Interesse einer kundengerechten Freizügigkeit". Schließlich sei die Fahrt von jedem Aachener zu jedem Kölner Bahnhof – und das ist eben der Witz an den Tarifkilometern – gleich teuer. Will heißen, auch die kürzeste Entfernung schlägt mit dem höchstmöglichen Preis zu Buche. Das sei "tarifliche Gleichstellung" und werde "vielfach" so geregelt im ganzen Bundesgebiet.

Das stimmt. Ein Studium anderer Fahrstrecken schon von Aachen aus bestätigt schnell diese unkonventionelle Bahnarithmetik. Duisburg ist 107 Kilometer entfernt, bezahlt werden 118. Das gleiche nach Düsseldorf: 90 echten stehen runde 100 Tarifkilometer gegenüber. Dieses Durcheinander, so die Bahn, sei jedoch nötig, damit "alle zur Berechnung des Entgelts für die Beförderung notwendigen Bestimmungen" eingehalten werden.

Der Schienenmonopolist definiert also seine eigene Mathematik. Erstaunlicherweise läßt sich jedoch der Doppelrechnung der Bundesbahn noch eine dritte hinzufügen. Der preisbewußte Kunde kauft nämlich keinen durchgehenden Fahrschein etwa von Aachen nach Duisburg, sondern teilt die Reise in vier Stücke. Er bittet den schwitzenden Schalterbeamten um ein Ticket nach Geilenkirchen, von dort nach Wickrath und über Krefeld-Forthaus schließlich nach Duisburg. Preis jeweils 5,20 Mark – und die Summe liegt dem richtigen Preis nach Streckenkilometern (21) mit 20,80 Mark erstaunlich nah. Ähnliche portemonnaieschopende Salami-Tarife lassen sich auch zu anderen Reisezielen zusammenbasteln.

Natürlich: Das ist für den einzelnen umständliche Pfennigfuchserei. Aber für die Deutsche Bundesbahn summiert sich solches Tarifkilometer-Zusatzkleingeld zu erklecklichen Einnahmen.

Wieder einmal beweist die Bahn: Bei großen Entfernungen mag sie durchaus attraktiv sein (Intercity-Stundentakt, Rosarot-Tarife), im Mittelstreckenbereich und im Nahverkehr ist sie kompliziert, langsam und dank ihrer seltsamen Rechenmentalität überteuert. Bernd Müllender