Von Raimund Hoghe

Die Vorstellung ist zu Ende, der Achtzigjährige steht auf der leeren Bühne, verbeugt sich, nimmt einen Strauß Blumen entgegen und macht noch einmal deutlich, daß das Ende nicht das Ende sein muß: Kazuo Ohno tanzt weiter – gleich einem Schmetterling, "der mit verletztem Flügel bereit ist zu fallen, und doch nicht müde wird, wieder und wieder aufzuflattern".

"Etwas Großes ereignete sich ganz still", "Die Toten beginnen zu laufen", "Geburt, Leben, Tod, Liebe und Leid, alles war in einem großen Gefühl vereint" – Sätze aus einem Text von Kazuo Ohno, bezogen auf das Stück "The Dead Sea – Wiener Walzer und Gespenster", mit dem er am vorletzten Wochenende in Berlin den Abschluß und Höhepunkt einer vom Künstlerhaus Bethanien veranstalteten Gastspielreise japanischer Butoh-Tänzer bildete und einen Eindruck davon gab, was Butoh sein kann: zum Beispiel eine Möglichkeit, vom Tod zu sprechen und das Leben zu feiern.

Butoh. Der vielzitierte Mann von der Straße, diesmal aus Tokio, definiert den Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre entwickelten "stampfenden Tanz" als japanischen Underground so: "1. Alle Bewegungen und Tänze, deren Ursprung unbekannt sind, ist Butoh. 2. Butoh ist, was weder Regeln noch Tabus kennt. 3. Wenn ein einzelner ‚nein‘ sagt, und die anderen sagen ‚ja‘, dann handelt es sich um Butoh." Zu entdecken sind diese und andere Definitionen in einem von Michael Haerdter und Sumie Kawai herausgegebenen Buch, das anläßlich der Gastspiele im Berliner Alexander Verlag erschienen ist: "Die Rebellion des Körpers – Butoh – Ein Tanz aus Japan" – gewidmet Tatsumi Hijikata, dem Anfang des Jahres gestorbenen Wegbereiter des Butoh.

1985, in seinem letzten öffentlichen Vortrag, sprach Hijikata immer wieder über die Kindheit. "Die Beobachtung der Kinder und wie sie mit dem eigenen Körper umgehen, hat meinen Butoh stark beeinflußt", stellte der 57jährige Tänzer und Choreograph beim ersten Butoh-Festival in Tokio fest und erinnerte nicht zuletzt an den kindlichen Umgang mit Gegenständen, die tot genannt werden: "Ich habe einmal eine Schöpfkelle heimlich mit ins Feld genommen und dort zurückgelassen, weil sie mir in ihrer dunklen Küche leid tat – ich wollte ihr das Land zeigen. Die Glieder und Teile seines Körpers wie eigenständige Gegenstände oder Werkzeuge zu empfinden und, umgekehrt, die Dinge zu lieben wie seinen eigenen Körper: hier liegt ein großes Geheimnis für den Ursprung des Butoh."

Kazuo Ohno, ein Symbol und eine Legende des Butoh. Auf der Bühne der Akademie der Künste: ein alter Mann mit weißgeschminktem Gesicht, der Kind sein kann und Greis, Mann und Frau, Priester und Clown, ein Zauberer, der von Verzweiflung spricht und Freude, Hoffnung und Angst, Sehnsucht und Trauer. Ganz selbstverständlich sind östliche und westliche Kultur miteinander verbunden, Vergangenheit und Gegenwart, Kunst und Leben. Die Übergänge sind fließend: Naturgeräusche gehen in Musik über, geistliche Lieder in Wiener Walzer-Klänge, zu denen Kazuo Ohno in "The Dead Sea" seinen Walzer tanzt: mit einem leichten Heben der Schulter, einem Lächeln, einer kleinen Handbewegung, einer Drehung des Kopfes oder einfach im Gehen, das einen Kreis entstehen läßt und auf der leeren Bühne eine Welt.

"Sein Glaube an das Leben und an den menschlichen Ausdruck ist so stark, daß er nichts braucht als sich selbst mit Augen im Kopf und Händen am Arm und Füßen am Leib, um den flüchtigen Momenten seines Auftritts endgültig Schöheit zu verleihen", schrieb Werner Schroeter nach seiner ersten Begegnung mit Kazuo Ohno, 1980, beim Theaterfestival in Nancy. Ohno trat dort mit dem auch in Berlin wieder aufgeführten Stück "Admiring La Argentina" auf, Schroeter drehte seinen Theater- und Liebesfilm "Generalprobe", in dem der Japaner eine der zentralen Figuren wurde – begleitet von einer anderen Legende, der Callas. "Sehnsüchtig lauscht er der Stimme von Maria Callas, die dieselbe Gabe hatte, die Zeit anzuhalten, von der Angst zu erlösen."