Umberto Eco: § Streichholzbriefe

In den Wochen der großen Strahlenangst hat das Publikum sein Vertrauen in die Wissenschaft verloren – weil sie die Kernkraftwerke erfunden hat, weil sie die Gefahren nicht vorausgesehen oder jedenfalls nichts dagegen getan hat, weil sie keinen Schutz vor den Folgen der Giftwolke bot und weil, dies vor allem, die Wissenschaftler, die sich an den Mikrophonen, auf den Bildschirmen und in den Zeitungen abwechselten, keine klaren Ideen zu haben schienen. Für einige war die Radioaktivität so gering, daß man getrost Salat essen durfte, für andere so hoch, daß man es verbieten mußte, in manchen Ländern galt italienischer Salat als der am geringsten verseuchte, in anderen als der allerschlimmste. Einige Experten sprachen von einer Strahlung in doppelter Höhe des Normalen, andere von einer Verhundertfachung, dann wieder schien es, als hätten beide dasselbe gemeint, und nur die Medien hätten es nicht gleich ganz richtig verstanden – etwa wie wenn mich ein Mathematiker bittet, ihm rasch mal eben zehn hoch neun Lire zu borgen, und ich merke zu spät, daß er eine Milliarde gemeint hat, mich aber nicht so erschrecken wollte.

Tatsächlich haben die Massenmedien, scheint mir, die allgemeine Konfusion zwischen Wissen, Wissenschaft und Technik oft noch vergrößert und die Dinge verschlimmert, indem sie die Wissenschaftler erst als Garanten der Objektivität präsentierten und sie dann in den Ring schickten, sich wechselseitig zu widersprechen.

Tschernobyl war ein technischer Unfall, und die Technik ist nicht die Wissenschaft, auch wenn sie auf wissenschaftlichen Prinzipien beruht. Die Technik funktioniert, entweder gut oder schlecht, aber sie ist weder wahr noch falsch. Daß Autoreifen platzen können, liegt nicht an der Wissenschaft. Aber es obliegt einer Wissenschaft, nämlich der Statistik, uns zu sagen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Reifenpanne ist, und es obliegt der Politik oder der Moral zu entscheiden, ob wir das Risiko eingehen wollen, um schneller voranzukommen.

Ein Geigerzähler signalisiert die Präsenz derjenigen radioaktiven Teilchen, auf die er geeicht ist, und das tut er mit einer gewissen Dosis an "Wahrheit", egal ob ihn ein Russe oder ein Amerikaner bedient. Das Problem ist (und diesmal ist es ein wissenschaftliches), ob er wirklich alle existierenden Teilchen signalisiert oder nur diejenigen, die der Physik bekannt sind. Das wissen die Wissenschaftler sehr wohl und haben es nie zu verhehlen gesucht. Schließlich obliegt es den Wissenschaftlern, die Maßeinheiten festzulegen (daher die berühmten Mikrocurie oder Becquerel) und deren Bedeutung zu eruieren. Nun ist es ja nicht so, daß die Wissenschaftler, die uns so sehr beunruhigt haben, nicht imstande gewesen wären, die radioaktive Strahlung zu messen und in recht präzisen Werten anzugeben. Sie gerieten erst in die Krise, als sie diesen Werten eine Bedeutung beimessen sollten, und das aus sehr verständlichen Gründen, denn um mir exakt angeben zu können, bei wie vielen Becquerel ich Krebs bekomme und wie viele andere meinesgleichen und wann, benötigt der Wissenschaftler lange und detaillierte Versuchsreihen.

Aus Gründen, die alles in allem glücklich zu nennen sind, war es der Wissenschaft bisher nicht möglich, die Auswirkungen der diversen Strahlendosen auf den menschlichen Organismus in großangelegten Langzeitversuchen zu erforschen. Die Wissenschaftler wissen nicht nur, daß ihr Wissen tentativ, provisorisch und nicht selten rein probabilistisch ist, sie wissen auch, daß es stets nur "lokal" ist. Ein Wissenschaftler weiß immer nur eine Sache auf einmal. Dann kommt ein anderer, der eine andere weiß, aber es ist nicht gesagt, daß immer ein dritter da ist, der das Verhältnis zwischen den beiden Sachen zu klären vermag.

Das Übel liegt daher an der Wissenschaftsgläubigkeit, an der Ideologie von der Wissenschaft als der unfehlbaren Letztinstanz unserer technischen Zivilisation. Gestern noch ein altes und diskreditiertes Produkt des positivistischen Szientismus, ist diese Unfehlbarkeitsideologie heute zu einem Bravourstück der Massenmedien geworden, die uns aus Gründen des Showeffekts glauben machen, daß es jemanden gibt, der alles weiß und über uns wacht. So vergessen wir, daß wir die politische Pflicht haben, unsererseits über die Wissenschaften zu wachen. Die Ideologie von der unfehlbaren Wissenschaft hat beruhigende Funktion, egal ob die Wissenschaft spricht oder ich nicht kenne, den Spruch der Wissenschaft nicht dramatisiert, und alle aßen seelenruhig ihren Salat im Schatten der Kernkraftwerke.

Aus dem Italienischen übersetzt von Burkhart Kroeber. Copyright: L’Espresso