Bettino Craxi möchte die Lira optisch aufwerten

Die Italiener sind sentimental. Das stellten jedenfalls Psychologen im Auftrag der römischen Notenbank fest. Sie sollten herausfinden, ob das Volk statt Lira lieber Gulden, Scudi, Taler oder Dinare möchte. Nichts zu machen: Mit großer Mehrheit erklärten die Landsleute den Seelenforschern, daß die Lira Italiens Währung bleiben soll.

Weil man mit der inflationsgeschwächten alten Lira kaum noch rechnen kann, warten die italienischen Währungsbehörden seit langem auf eine günstige Phase der Wirtschaftsentwicklung, die sich für eine Geldreform eignen würde. In Rom will man dann ganz einfach drei Nullen wegstreichen und aus tausend Lire alter Währung eine neue Lira, eine Lira Nuova machen. Die wäre nach heutigem Wechselkurs knapp 1,50 Mark wert.

Aber das ist gar nicht so einfach. Zwar handelt es sich um eine rein kosmetische Währungsoperation und keine Währungsreform, wie sie Charles de Gaulle den Franzosen und Konrad Adenauer den Deutschen bescherte, doch kommt es eben auch hier auf den richtigen Augenblick an, in dem die drei Nullen weggestrichen werden. Eine neue Währung bedeutet psychologisch einen neuen Anfang, und eine Wirtschaftsphase mit starker Inflation kommt dafür nicht in Frage. Sonst wäre auch das neue Geld in Kürze schon wieder schwindsüchtig.

Nach anderthalb Jahrzehnten galoppierender Inflation steuert Italien in diesem Jahr auf nur noch fünf Prozent Teuerung zu. Der Regierungschef Bettino Craxi sieht damit die günstige Gelegenheit für eine Reform der Lira gekommen. Eine Gelegenheit zudem, die vielleicht nicht so bald wiederkehrt. Und die Craxi, drittens, auch noch zur Krönung seiner Regierungszeit nutzen möchte.

Zum Jahresbeginn 1987, so haben Ministerpräsident Craxi und sein Schatzminister Giovanni Goria ausgerechnet, könnte die neue Lira ausgegeben werden. Daß Zeit und Umstände für eine neue Währungseinheit reif seien, kündigte der Kabinettschef nicht ohne Stolz auf dem Wirtschaftsgipfel in Tokio an. Italien war dort neben Kanada in den Klub der großen westlichen Industrienationen aufgenommen worden. Bis dahin gehörten nur die USA, Japan, Frankreich, England und die Bundesrepublik zu diesem erlauchten Kreis.

Die drei europäischen Partner dieses "Fünferklubs" hatten sich lange und heftig gegen die Aufnahme Italiens gewehrt. Der deutsche Kanzler Helmut Kohl trat in den Fettnapf: Ein Land mit Staatsschulden in Höhe des Sozialproduktes sei nicht vertrauenswürdig, berichtete Italiens Wirtschaftszeitung Mondo aus Tokio. Übernächstes Jahr werden die Schulden der öffentlichen Hand in Italien eine Billiarde Lire erreichen, das ist eine Eins mit fünfzehn Nullen dahinter – eine denkbar schlechte Visitenkarte. Wenn Rom bis dahin drei Nullen streicht, sieht die Rechnung nicht ganz so schlimm aus, doch bleiben es in Mark umgerechnet knapp 1,5 Billionen Mark, mehr als das Doppelte der deutschen Staatsschulden.