Hamburg am Sonntag, 12 Uhr: Auf dem Heiligengeistfeld im Stadtteil St. Pauli versammeln sich mehr als 800 Atomkraftgegner zu einer spontanen Demonstration gegen die – so ein Sprecher – "Polizeiprovokationen" am Vortag in Brokdorf. Plötzlich – der geplante Umzug hat noch gar nicht begonnen – kesseln fünf Hundertschaften der Polizei die Demonstranten ein: ohne Vorwarnung, ohne Aufforderung, den Platz zu verlassen. Um 12.21 Uhr ist der Kordon dicht.

Später ankommende Protestierer fordern lautstark, die völlig überraschten Demonstranten innerhalb des Polizeikessels ziehen zu lassen; sie werden weggeknüppelt. Mehrere Stunden lang tobt daraufhin im benachbarten Karolinenviertel eine erbitterte Straßenschlacht. Die Ordnungsmacht ordert Verstärkung: Bundesgrenzschutzeinheiten, Mobile Einsatzkommandos und Polizisten aus Nordrhein-Westfalen, die auf dem Heimweg von Brokdorf sind.

Die derweil Umzingelten (darunter sind ein Pastor samt Gemeindegliedern, Grüne und Jusos, Mitglieder der DKP und des Aktionskreises Leben sowie ein Häuflein Autonome aus Hamburg und Berlin) werden einzeln abgeführt, durchsucht, photographiert und auf die Polizeiwachen der Stadt verfrachtet. Am Montag, 1.15 Uhr, ist die gespenstische Staatsaktion auf dem Heiligengeistfeld vollbracht. Nach 13 Stunden Einkesselung unter freien Himmel wird der letzte Demonstrant abgeführt.

Vermittlungen um einen vorzeitigen "freien Abzug", die der GAL-Bürgerschaftsabgeordnete Michael Herrmann mit der Polizei führt, waren erfolglos geblieben. In einer Rede empörte sich der Ex-GAL-Abgeordnete Udo Hergenröder, ebenfalls unter den Gefangenen, über die "Aufhebung des Demonstrationsrechtes" und sprach von einer "faschistoiden Maßnahme".

In Gesprächen, in die sie von Dutzenden aufgebrachter Bürger verwickelt wurden, verhehlten selbst Polizisten nicht mehr, daß ihnen die ganze Aktion nicht recht geheuer war. Trotzdem: Als kurz vor Mitternacht rund 40 hanseatische Taxifahrer mit einem Hupkonzert dagegen protestieren, daß immer noch Straßen abgeriegelt sind, werden sie nach wenigen Minuten mit einem maßlosen Knüppeleinsatz vertrieben. Dazu am nächsten Tag der stellvertretende Hamburger Polizeipräsident Alfred Honka: "Weiß der Kuckuck, wer das angeordnet hat."

Spätestens am Montagvormittag waren alle Abgeführten wieder frei. Kleinlaut mußte Honka eingestehen: "Unter den 838 in Gewahrsam genommenen war keiner, den wir festnehmen oder dem Haftrichter hätten vorführen können." Stolz verwies die Polizei dagegen auf "die Waffen, die wir auf dem Platz gefunden haben". Sichergestellt wurden 7 Zwillen mit dazugehöriger Munition, 2 Gasrevolver (waffenscheinfrei) samt Gaspatronen und Leuchtkugeln, 1 Schlagstock mit Gasschutzvorrichtung, 4 Taschenmesser, 1 Teppichmesser, 1 Fallmesser, 11 Motorradhelme, 25 Paar Arbeitshandschuhe, mehrere Schienbeinschützer, über 100 Ski- und Motorradmützen, Steine. Nur: "Wem dies alles gehörte", sagte am Einsatzort schulterzuckend ein Beamter, "das ist leider nicht mehr festzustellen."

Im Verhältnis zur Dauer der Aktion und zur Anzahl der Betroffenen ist die Ausbeute eher mager. Honka sieht dennoch einen Erfolg: "Von denen, die nichts dabei hatten, kann ich natürlich nicht sagen, daß sie nicht auch etwas gemacht hätten." Diese Begründung freilich paßt auf jede Protestaktion, ob angemeldet oder nicht. Beschlossen wurde die in der Bundesrepublik bisher einmalige Massensistierung am Sonntagvormittag im Hamburger Polizeipräsidium. "Uns lagen Hinweise vor, daß sich Gewaltbereite zu dieser Demonstration treffen wollten", verteidigt Honka seine neue Polizeitaktik; man habe "die Versammlung deshalb nach dem Polizeirecht abgehandelt, um Gefahr für die öffentliche Sicherheit abzuwenden."