Sechs Etagen hoch, vom Souterrain bis zum Dachgeschoß, erhebt sich die Villa Grisebach in der Berliner Fasanenstraße, einer Querstraße am oberen Kurfürstendamm. "Villa" ist nicht ganz das zutreffende Wort; "Stadthaus" nennt man dergleichen heute. Was es eigentlich ist, gibt es in Berlin längst nicht mehr, so prägend es einmal für Teile der alten Reichshauptstadt gewesen ist: das mehrstöckige Privathaus mitten in der Stadt, Seite an Seite mit seinesgleichen. Auch das 1891 errichtete Haus des Historismus-Architekten Hans Grisebach überstand die Zeiten nur durch Zufall. Im Kriege, schwerbeschädigt, sollte die Ruine, wie andere Bauten auch, zugunsten eines zukünftigen sechsspurigen Schnellstraßenausbaus der alten Wohnstraße weichen. So blieb sie zumindest erst einmal stehen. Turbulent wurde es, als die größenwahnsinnige Verkehrsplanung ad acta gelegt wurde: Die Stunde fünfstöckiger Eigentumswohnanlagen schien gekommen zu sein. Doch die Öffentlichkeit hatte die Abrißorgien gründlich satt. Mit der Eröffnung der Grisebachvilla als Haus der Galerie Pels-Leusden ist jetzt das glückliche Ende dieser städtebaulichen Irrfahrt zu vermelden. Von der Deutschen Bank gekauft und finanziert und vom Landeskonservator bezuschußt, präsentiert sich das zur Zeit seiner Erbauung zukunftsweisende Grisebachhaus zusammen mit dem Kollwitz-Museum sowie der als "Literaturhaus" im Umbau befindlichen Villa zwei Grundstücke weiter, die dem gesamten "Wintergarten"-Ensemble den Namen gibt, als letztes erhaltenes Beispiel der großbürgerlichen Erschließung des "Neuen Westens" zur Kaiserzeit.

Die jetzige Nutzung ruft etwas vom alten Glanz des wilhelminischen Berlin zurück. Die Eröffnungsausstellung der Galerie Pels-Leusden der Kunst der ersten Jahrhunderthälfte verpflichtet, vereint unter dem Titel "Zeitspiegel" in chronologischer Folge Werke vom Baujahr des Hauses bis zum Untergang der Metropole 1945 (eine Ausstellung mit Arbeiten bis 1986 wird folgen).

Das kann bei einer Verkaufsausstellung kein völlig ausbalancierter, historisch für jedes Kalenderjahr treffender Gang durch die deutsche Kunstgeschichte sein, bietet aber in allen 180 Werken von 71 Künstlern museale Qualität. Th. Th. Heines – des Karikaturisten – bombastisches Gemälde "Kampf mit dem Drachen" bildet in der zweistöckigen, verhalten altdeutschen Eingangshalle einen pointierten Auftakt, ehe mit Klinger, Corinth und Kandinsky, mit Liebermann, Lehmbruck, Beckmann, mit Schad, Schlemmer und Hofer nicht nur große Namen, sondern auch großartige Werke folgen. Berlin, das auch einmal ein glanzvolles Kunsthandelszentrum war, nimmt mit der Neueröffnung der Galerie Pels-Leusden alte Traditionen wieder auf. Über alle jüngst aufgedeckten Skandale hinweg ist dies ein städtebauliches und kulturpolitisches, aber auch ein atmosphärisches Signal. ("Zeitspiegel I" bis 28. Juni, Katalog. 30,–Mark) Bernhard Schulz