III. Programme (ohne Südkette – SDR, SR, SWF), Freitag, 20. 6., 20.30 Uhr: "Sommernacht der Musik ’86 – Zur Sommersonnenwende

Schon die alten Germanen, Kelten und Slawen pflegten sie zu feiern, und noch heute bauen die Skandinavier ihre Feuerräder und durchtanzen diese Nacht: die kürzeste des Jahres, wenn die Sonne in ihrer scheinbaren Pendelbewegung zwischen Nord und Süd die größte Deklination erreicht hat und fast nicht unterzugehen scheint. Das Christentum konnte dem heidnischen Unwesen nicht tatenlos zusehen, und so verlegte die Kirche flugs den Gedenktag eines großen Heiligen auf den Sonnenwend-Tag.

Schon im vergangenen Jahr, das die Europäer ja als Musikjahr begingen, hatte sich eine Vielzahl von Fernsehstationen zusammengeschlossen, um gemeinsam die Sommersonnenwendnacht festlich-musikalisch zu begehen – in Deutschland hatten nur der Hessische Rundfunk und der Sender Freies Berlin, der sich dafür aus der Nordkette ausklinkte, mitgezogen. In diesem, dem "Internationalen Jahr der Musik und des Friedens" werden sich, mit Hilfe von acht Satelliten, 18 Länder aus Europa, Amerika, Afrika (Simbabwe) und Asien (China und Japan) an einer fünfstündigen Musik-Sendung beteiligen – fast ausschließlich live, und das bedeutet eine keineswegs nur sommerfestliche Organisation: Die Italiener werden zeigen, ob sie diese Generalstabs-Arbeit besser und lockerer beherrschen als wir Deutschen seinerzeit mit unserer monströsen und zwischen Bratenrock und Platitüden pendelnden Bach-Total-Sendung. Die RAI beauftragte einen freien Produzenten, Andrea Andermann, und dieser Pfiffikus hat den Charme, uns allen Italian Icecream für ein Produkt der Nouvelle cuisine zu verkaufen.

"Sei ohne Furcht: Die Insel ist voller Geräusche, Klänge und süßer Gesänge, die ergötzen und nicht verletzen" – so (oder ähnlich übersetzt) sagt Caliban in Shakespeares "Sturm". Einem solchen Motto folgt die Sendung: Die Natur und ihre Wunder, die Sonne und die Kreatur auf der Erde, die Elemente und des Menschen Geschick, ihrer aller Darstellung in der Kunst. So spielt die Natur mit, der Central Park in New York und die Piazza Navona in Rom, das Charlottenburger Schloß und die Alhambra, eine Barke vor der Brooklyn-Bridge und eine vor der Stadtkulisse von Lissabon, die Insel Sado und die Große Mauer, das Sommerpalais in der "Verbotenen Stadt" und das Schloß von Versailles. Natürlich (oder leider) auch: viel Bonbonnieren-Kunst, Händels "Wassermusik" und Vivaldis "Jahreszeiten", Liszts "Totentanz" und Griegs "Peer Gynt". Aber auch, gottlob, weit mehr das kleine Ausgefallene, weniger Bekannte, ebenso Liebenswerte – Stücke für zwei Orgeln aus der Wiener Augustinerkirche, eine Arie aus "Re Pastore" (mit Eva Und), ein Flötenkonzert Friedrichs II., gälische Chöre und katalanische Volkslieder, georgische Tänze und Lieder von Aaron Copland (mit Marilyn Home). Manches werden wir für Superkitsch halten, wenn etwa kanadische Blechbläser Bach-Musik (was wohl?) vor den Niagara-Fällen bieten; anderes für brillante Show, etwa die Kammermusik vor der Skyline von Manhattan. Aber daß da eine Menge exzellenter Kunst zu hören und zu sehen sein wird, dafür möchte man Garantien sehen in der 72 Einzel- oder Ensemble-Namen umfassenden Liste zwischen dem Geiger Salvatore Accardo und dem Cellisten Yoyo Ma, den Philharmonikern aus Berlin und Boston, Moskau und Rom, den Dirigenten Lorin Maazel, Zubin Mehta und Riccardo Muti – aber auch June Anderson, Pete Seeger und Ravi Shankar. Was freilich den Fußballern und ihren WM-Freaks wochenlang lieb und (sehr) teuer ist, darf für die Musikinteressierten nicht einmal billig sein – eine Zusammenschaltung mit dem doch über die Stereophonie weit musikfreundlicheren 1. Kanal. Heinz Josef Herbort