Von Robert Leicht

Von den möglichen Folgen für Bonn ganz abgesehen: Wie immer die Wahl in Niedersachsen ausgehen wird – sie wird zunächst zu einer Nervenprobe für die Demokraten werden. Politik nach Tschernobyl: Ändert sich in Hannover nichts, müssen jene, die nach der Katastrophe auf Umkehr hofften, ihre Enttäuschung verarbeiten. Verschieben jedoch die Wähler die Macht, so fällt sie zwei Parteien in die Hände, die nicht wissen, wie sie mit sich, den Erwartungen ihrer Anhänger und den angelegten Sachzwängen zurechtkommen sollen. Macht und Ohnmacht liegen da eng beieinander, die Wirklichkeit ist allemal härter als die Hoffnung. Kaum eine Landtagswahl war so mit Spannungen geladen.

Gerade deshalb wirkten die entgleisten Demonstrationen an den nach Tschernobyl noch aktuelleren Symbolplätzen der Republik so erschreckend. Die Vorstellung, nach dem Unfall in der Ukraine werde die Vernunft eine größere Chance haben, ist von der Wirklichkeit dementiert worden. Die Nerven waren gereizt – Demonstranten und Polizeileiter haben sie verloren. Wohin soll dies noch führen? Die weitere Polarisierung von Macht und Ohnmacht schadet am Ende uns allen.

Wochenende in Wackersdorf und in Brokdorf: Bilder der Gewalt schieben sich übereinander zu einem Gewirr des Grauens, das den Rückweg zur Vernunft abzuschneiden droht. Der Polizist aus Bremen: sein Gesicht von einer Stahlkugel aus der Zwille zerschmettert, Jochbein und Oberkiefer zerbrochen, Zähne ausgeschlagen, Gehirnerschütterung. An anderer Stelle: Tränengasgranaten der Polizei mit dem üblen Reizstoff CS fliegen in eine Menge friedlicher Demonstranten; die Gefahr einer Panik ist mit Händen zu greifen; Bürger werden zum Treibgut der Wasserwerfer. Zwei Extreme einer doppelt entsetzlichen Realität: Polizisten wie Demonstranten müssen an diesem Geschehen verzweifeln, wie alle, die davon hören und lesen.

Solche Vorgänge liefern gefährliches Spaltmaterial für die Demokratie. Der Zusammenstoß von wilder Gewalt und polizeilicher Macht führt dazu, daß sich jeder hinter seinen Erlebnissen und Vorurteilen verbarrikadiert Aber Zehntausende Demonstranten wollten nichts anderes, als friedlich gegen die Kernkraft demonstrieren, Tausende Polizeibeamten wollten nichts anderes, als die Ordnung wahren. Sollen sie, die einen wie die anderen, am Ende unter dem Diktat von zweitausend kriminellen Gewalttätern handeln und leiden?

Dieses makabre Gesetz der Gewalt muß gebrochen werden. Denn Gewalt nimmt, offen und unterschwellig, die Sinne aller Beteiligten derart gefangen, daß viele nur noch an Kampf und Bekämpfung denken können, kaum noch ans Ausweichen, an Vorbeugung und Ausgleich – und schon gar nicht mehr an das politische Thema. Diese abstoßende Anziehungskraft der Aggression erzeugt einen Sog in die Eskalation. Deshalb müssen alle Beteiligten, denen Vernunft noch etwas bedeutet, dazu beitragen, daß solche Situationen künftig von vornherein vermieden werden.

Die Wiederholung der Brokdorfer Eskalation ist nur zu verhindern, wenn zwei Grundvoraussetzungen endlich beachtet werden, hier wie dort.