Von Roger de Weck

Port au Prince, im Juni

Der dunkelgrüne Lastwagen raste über den Platz, machte einen Bogen um den Haufen lodernder Reifen und bremste abrupt vor der Tankstelle. Die Soldaten sprangen vom Deck. Das Gewehr in der Hand, stürmten sie die Menge der Demonstranten, die in alle Richtungen zerstoben. Der Qualm und das Tränengas vermengten sich, darüber lasteten die bleiernen Gewitterwolken. Von der Hauptstraße her, dem früheren Boulevard Papa Doc, flogen faustgroße Steine. Da feuerte einer der Uniformierten einen Warnschuß. Der Schütze legte wieder an, zielte jetzt auf die kleine Gruppe der Journalisten, die erstarrte.

Sekunden dauerte das Gegenüber, dann senkte er langsam den Lauf und wandte sich plötzlich ab. Die Soldaten stießen nun die Barrikaden um und räumten die Straße frei. Kaum war der Armeelastwagen davongedonnert, besetzten die Jugendlichen wieder die Kreuzung. "Die Revolution darf uns nicht gestohlen werden", zürnte am vorigen Mittwoch der 27jährige Compere, einer der Anführer, der erregt sein Wurfgeschoß von der einen in die andere Hand rollte, hin und her.

Drei Jahrzehnte lang knechteten Papa Doc und Baby Doc – der Arzt François Duvalier und sein 1951 geborener Sohn Jean-Claude – das karibische Land, nun eines der ärmsten der Welt. Während ihrer Gewaltherrschaft schien die haitianische Geschichte stillzustehen: Über 85 Prozent der Haitianer blieben des Lesens und Schreibens nicht mächtig, 75 Prozent leben in absoluter Armut, 60 Prozent sind ohne Arbeit. Auf dem Lande, das fast gänzlich abgeholzt wurde und nun erodiert, haben die Bauern eine Lebenserwartung von 39 Jahren. Die erste schwarze Republik, die 1804 ausgerufen worden war, blieb ein versklavter Staat.

Doch ohne Waffen, "mit den nackten Händen und unseren Gebeten", haben die Haitianer am 7. Februar die Freiheit errungen. Vier Monate sind es her, seit sich der verhaßte "Präsident auf Lebenszeit", Jean-Claude Duvalier, nach Frankreich absetzte; zuvor hatte Baby Doc den allseits geachteten und integren Drei-Sterne-General Henri Namphy an die Spitze eines Nationalen Regierungsrates berufen. Vier Monate, während derer das Volk Tag für Tag vergeblich darauf wartete, daß der neue Mann die provisorische Regierung von allen üblen Figuren des Duvalier-Regimes säubern und einen Zeitplan für baldige Wahlen verkünden werde.

Vergangene Woche waren die Haitianer am Ende ihrer Geduld; es kam zum landesweiten Aufruhr. Die schweren Auseinandersetzungen zwischen der unruhigen Jugend und der überreizten Armee forderten Tote auf beiden Seiten. Überall wurden kleine Barrikaden errichtet, allenthalben blockierten Demonstranten die Verkehrswege und erhoben mitunter eine "Mautgebühr". Zeitweise schnitten 85 Straßensperren die einzige geteerte Verbindung von der Hauptstadt Port au Prince in den Norden des Landes ab. Ähnlich verhielt es sich im Süden, der obendrein nach den Regenfällen von schweren Überschwemmungen heimgesucht wurde. Und in einem der riesigen Elendsviertel von Port au Prince tobte der Kampf um Wohnraum; mit der langgezogenen, scharfen Machete bewaffnet, trugen rivalisierende Gruppen eine blutige Szene aus.