Von Jochen Steinmayr

Wien, im Juni

Der Alte knurrt: "Jetzt werden wir halt auch offiziell von Bankern regiert, als ob diese Gefahr nicht permanent bestünde." Für Bruno Kreisky, den Erzpolitiker, ist der Gedanke schwer erträglich, sich sein ehemaliges Amtszimmer am Wiener Ballhausplatz künftig als Zentrum einer Vorstandsetage vorstellen zu müssen. Durch Räume, in denen schon Metternich regierte, soll nun ein technokratischer Hauch wehen, derweil ein drahtiger Herr im Maßanzug mit Zahlen und Daten jongliert: der neue Bundeskanzler Dr. Franz Vranitzky.

Schon vor mehr als einem Jahrzehnt, als Kreisky noch als "Sonnenkönig" regierte, beschlichen ihn trübe Gedanken, wenn er an seinen Nachfolger dachte. Noch genoß Hannes Androsch, sein Finanzminister, volles Vertrauen. Noch hatte kein Skandal die Zuversicht des Alten in seinen Kronprinzen erschüttert. Und doch: Ihm fehlten beim "Hannes" politische Imaginationsfähigkeit, Treue zu unverrückbaren Leitlinien, ihn störte die kalt berechnende fachmännische Arroganz.

Wie Hohn muß es dem sozialistischen Altkanzler nun erscheinen, daß seine Partei nach dem Waldheim-Debakel auf einen Mann zurückgegriffen hat, der auf den ersten Blick sehr wohl als Double des politisch ins hochdotierte Abseits gedrängten Androsch angesehen werden könnte. Mehr noch, der Chef von Österreichs größter Bank-Creditanstalt (CA) war nicht nur Kommilitone und Duzfreund des in höchster Not gekürten Neukanzlers, er war auch Protegé der kaufmännischen und politischen Karriere Vranitzkys. Nach dem Studium an der damaligen, elitär angehauchten "Hochschule für Welthandel", der heutigen Wirtschaftsuniversität, begaben sich die beiden Söhne aus kleinbürgerlichem Milieu auf die Treppe, die nach oben führt. Während Androsch, der sich einer Steuerkanzlei anschloß, bald schon bei den an Wirtschaftsexperten armen Sozialisten festmachte und es bereits 1970, mit 34 Jahren, im ersten Kabinett Kreisky zum Finanzminister brachte, stieg Vranitzky bei Siemens-Schuckert ein und schulte sich dann zehn Jahre lang in der volkswirtschaftlichen Abteilung der Nationalbank.

Dieses Jahr 1970 brachte die Studienfreunde wieder zusammen. Der Hannes holte den Franzi als wirtschafts- und finanzpolitischen Berater in sein Ministerium. Wie Dioskuren seien sie damals gewesen, erinnern sich Mitarbeiter, "wenn der eine ja sagte, galt das immer gleich auch für den anderen". Zwei alerte Experten, inzwischen beide der ideologisch hartleibigen, etwas spießigen Arbeiterpartei zugehörig, machten sich auf in die internationale Finanzwelt, verhandelten beim Währungsfond der Weltbank ebenso wie mit den führenden Geldinstituten Amerikas, Englands und der Bundesrepublik. Nicht nur sammelten sie Erfahrung und sogen marktwirtschaftliches Denken an den Quellen ein, auch in Habitus, Lebensstil und Anspruch erhielten sie einen Schliff, den der großbürgerliche Übervater Kreisky sogar wohlwollend beobachtete. Seine liberale Ära sollte Österreich ja aus kleinstaatlichem Muff zu Selbstbewußtsein und ökonomischer Effizienz führen.

Doch konnten und können die feinen Streifen ihrer Schneideranzüge, ihr lässig gebändigter Diplomaten-Haarschnitt, die schmalen Westen über der Sportlertaille (der eine mehr Tennis, der andere Korbball) nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Charaktere der Aufsteiger bei aller Intelligenz doch sichtbare Unterschiede aufweisen. Hannes Androsch hat feine politische Antennen, einen wählerwirksamen Charme und eine breitgefächerte Neugier weit über sein Fachgebiet hinaus. Gefährliche Höhenflüge freilich führten den begabten Politiker ins vorläufige, weichwattierte out.