Seine Nachkriegspolitik gegenüber Deutschland souverän analysiert

Von Kurt Becker

Die Staatsmänner in Bonn und Paris sind eines Sinnes, wenn sie den verheißungsvollen Zustand ihrer Beziehungen in den höchsten Tönen preisen. Tatsächlich aber ist Frankreich ja nicht nur unser wichtigster Partner in Europa, sondern manchmal auch ein schwieriger Nachbar. Einige Ursachen reichen weiter in die Vergangenheit zurück und sind leicht zu erklären. Frankreich hat ein ungebrochenes Bewußtsein zu seiner großen geschichtlichen Tradition. Es rechnet sich noch immer zu den Großmächten. In Europa beansprucht es politische Führung. Und schließlich: Der Einfluß auf die Entwicklung in Deutschland steht aus Gründen der nationalen Sicherheit ganz oben an.

Es gibt eine eindrucksvolle Kontinuität französischer. Diplomatie gegenüber der Bundesrepublik. Vor allem müssen wir erkennen: Die politische Elite Frankreichs denkt viel gründlicher über den deutschen Nachbarn nach, als es umgekehrt der Fall ist. Bei uns ist die Phantasie auf dem Felde der Zusammenarbeit auffallend blaß und konturlos. Dabei hält die große Mehrheit die Nähe zu Frankreich für wichtig und vernünftig. Ein erfahrener Analytiker der französischen Deutschlandpolitik legt jetzt ein Buch vor, in dem er eindrucksvoll beschreibt, wie sich in Paris unaufhörlich die Anschauung gegenüber Deutschland und seiner Bedeutung für Frankreich verändert hat:

Ernst Weisenfeld: Welches Deutschland soll es sein? – Frankreich und die deutsche Einheit seit 1945; Verlag C. H. Beck, München 1986; 203 S., 29,80 DM.

Das Buch ist Darstellung und Analyse zugleich. Es endet mit bemerkenswerten Grundsätzen für eine gemeinsame Ost- und Sicherheitspolitik beider Staaten. Ernst Weisenfeld erfüllt einen hohen Anspruch. Er gewinnt den Leser durch kompetentes Urteil, durch gedankliche Klarheit und durch souveräne Handhabung der überwältigenden Fülle von Geschehnissen in den vergangenen vierzig Jahren. Diese Rekonstruktion enthält erregende Passagen, und es ist eine Wohltat, eine politische Abhandlung in klarer und gepflegter Sprache zu lesen und nie auf einen Fach- oder Mode-Jargon zu stoßen.

Weisenfeld arbeitet in Paris seit 1951 als Korrespondent von Zeitungen und für das Fernsehen. Sein Kenntnisreichtum und seine Urteilskraft sind auch das Resultat eines über die Jahrzehnte hinweg geführten Gesprächs mit den politischen Führungspersonen, den einflußreichen Bürokraten und den Experten der Hauptstadt. Er gehört zu den Zeugen der großen Begegnungen zwischen den Staatsmännern in Bonn und Paris.