Marschmusik von "Preußens Gloria" empfängt den Besucher vor dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Jawoll, wir marschieren zur Premiere von Shakespeares Römer-Drama "Julius Caesar" (1599).

Gleich wird eine richtige Feuerwehrkapelle über die Bühne stapfen. Gleich wird Generalfeldmarschall Julius Caesar auf den Balkon treten, den schnurrenden Elektrorasierer in der Hand, um sich fein zu machen für den Tag im Parlament. Gleich werden sich Männer in einem Body-Building-Studio fit trainieren. Gleich wird der Sieger eine Champagnerflasche entkorken und das edle Naß verspritzen wie die Fußballhelden im Entspannungspool nach der gewonnenen Meisterschaft. Gleich fährt ein Auto mit gefährlich blubberndem Motor auf die Bühne und richtet das Zielfeuer der Scheinwerfer auf uns. Gleich erscheint Caesars Geist seinen Mördern, gemütlich Zigarre paffend. Gleich stürmen Revolutionäre in den Tarnanzügen von Fallschirmjägern auf die Szene und ballern aus Kalaschnikows. Gleich kreist ein kaputtgeschossener Panzer, auf dem noch kaputtere Soldaten liegen, auf der langsam heißlaufenden Drehbühne. Gleich werden ... Gleich wird ... Gleich ... Gleich, gleich ... Man kommt ganz schön aus dem Atem beim Zusehen. (Zum Denken sollen wir nicht kommen.) Wo haben wir das alles schon gesehen? Richtig. Im Kino. Im Fernsehen. In der Tagesschau. Im Wiedererkennungsglück klatschen sich Hamburger die Hände wund.

Wenn der Hausherr, Peter Zadek, in seiner Inszenierung von Shakespeares "Wie es euch gefällt" Professor Brinkmann aus der "Schwarzwaldklinik" für ein paar Jux-Minuten herbeiruft, dann darf doch der aus England geladene Shakespeare-Schock-Regisseur Michael Bogdanov, der Romeo und Julia als Rockerpärchen in schwarzer Lederkluft aufs Motorrad setzt, die Tyrannen-Mörder im alten Rom als mafiose Ganoven im langen schwarzen Mantel, Colt unter der Schulter, Schlapphut im Gesicht auf die Bühne schleichen lassen. Ist es wirklich schon einen Applaus-Orkan wert, wenn Fernsehkameras von RTV (Römische Tele-Vision) aufkreuzen, ein schmieriger Regisseur das Kommando übernimmt, Monitore sich aus dem Bühnenhimmel senken und der neue Machthaber wie nur je ein Funktionär der modernen Telekratie das Volk am Bildschirm beschwichtigt?

Bogdanov arrangiert ein Fernsehspiel für die Bühne. Ablenkungstheater. Jede Minute ein neuer Reiz für Aug’ oder Ohr. Da wabert der Bühnennebel selbst noch im Zelt des Brutus. (Wann endlich gibt es ein Verbot für diesen chemischen Zauber, mit dem jede gedankenarme Inszenierung den Hauch von tieferer Bedeutung auf die Szene pustet?) Da wird Caesar zwar mit dem Revolver gekillt, seine Mörder aus dem Fernseh-Zeitalter stürzen sich aber immer noch in die von freigelassenen Sklaven gehaltenen, aufs Gewehr gepflanzten Bajonette. Bei Shakespeare hat das Sinn: Das Schwert, das den zum Tyrannen gewordenen Feund in den Tod gestoßen hat, dient zum Selbstmord.

Wie alt sieht dies sich jugendlich spreizende Theater der Postmoderne aus, das den ganzen Plunder von Theater-, Film- und Fernseh-Stilen der letzten Jahre vor uns ausschüttet. Dagegen war ja Hans Hollmanns aufgeputschter "Caesar" am Schiller-Theater (1972) oder der Fernseh-"Caesar" von John Bowen/Ronald Smedley, mit eingeblendeten Dokumentaraufnahmen aus Vietnam und Irland (1976 im Fernsehen) kühn.

Bei Bogdanov: schiere Beliebigkeit – deshalb ärgerlich, weil man immer wieder sieht, was der Regisseur kann, wenn er mal den Mut hat, leise zu sein. Haben wir ihn je so gut gesehen: Dietrich Mattausch (Cassius), einen Oberlehrer mit Brille und schütterem Haar, den es in die Revolution verschlagen hat? Michael Degen: ein noch mehr mit sich selber als mit der Tyrannei im Kampf liegender Moralist der Politik. Gerhard Olschewskis Caesar: Herr Tegtmeier als Hindenburg. Und um diesen Biedermann umzulegen, so viel Geheimdienst-Glamour?

Bitte keine Fragen. Dem Applaus stellt sich ein lächelnder Mittvierziger, die Reisetasche über der Schulter. Dieser nette Kerl will nichts bewegen – außer sich selber. Mit welchen Worten fordert er im Programmheft einen "freien Umgang mit Shakespeare"? Wenn Regisseure "Ophelia nicht mögen", sollten sie diese Figur (aus "Hamlet") "einfach streichen oder wenn sie meinen, daß Hamlet fünf oder sechs Mädchen vögeln sollte und nicht nur eine, das eben so verändern... Kinder würden ein viel größeres Gefühl für Shakespeare entwickeln ..."

Ob man angesichts der Drohung so sinnlos vervögelten Theaters doch nicht lieber erwachsen bleiben soll... Rolf Michaelis