An eine kleine Partei und ihre führenden Leute werden im Wahlkampf dieselben Ansprüche gestellt wie an die großen Konkurrenten, sagt Walter Hirche, der Spitzenkandidat der niedersächsischen FDP. Das ist sicher richtig; verständlich ist auch, daß Hirche es gar nicht mag, wenn die Leute immer nur das Duell Albrecht contra Schröder im Auge haben. Mit den beiden könne er sich gewiß messen, bekundet Hirche, und eigentlich – ja eigentlich sollte die FDP ihren ersten Mann als Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten präsentieren. "Denken Sie doch mal an den Craxi in Rom, der kommt auch bloß aus der drittstärksten Partei." Walter Hirche hat Nachbarn und Parteifreunde zu Bier und Wurstbroten vor sein Haus eingeladen – in solcher Umgebung läßt sich ein Selbstvertrauen präsentieren, das durch die Tatsachen schwer zu rechtfertigen ist.

Denn die FDP in Hannover, 1970 und 1978 an der Fünfprozent-Sperrklausel gescheitert, 1982 mit 5,9 Prozent der Stimmen gerade noch als viertstärkste Fraktion in den Landtag gewählt, kämpft um den Verbleib im Parlament. Die Demoskopen sahen Hirches Partei im Frühjahr fast chancenlos abgeschlagen; seit April steigen die Werte für die Liberalen, und FDP-Landtagskandidaten bieten mit pflichtschuldigem Optimismus hohe Wetten darauf an, daß ihre Partei die Fünfprozenthürde nimmt. Einen noch größeren Erfolg wollen die Freien Demokraten freilich nicht vorhersagen: Daß ihre Partei den Wiedereinzug in den Landtag wahrscheinlich schafft, daß dieser bescheidene Erfolg aber noch keineswegs sicher ist – das ist das wichtigste Wahlkampfargument der niedersächsischen Liberalen.

Weil Ernst Albrechts CDU am kommenden Sonntag wahrscheinlich die absolute Mehrheit verliert, weil SPD und Grüne zusammen vielleicht mehr Mandate erhalten werden als die CDU allein, muß die FDP in den Landtag kommen, um dort die Mehrheit des bürgerlichen Lagers zu sichern. Nach dieser Rechnung sollte ungefähr die Hälfte aller Wähler, alle Anhänger der CDU nämlich wie die kleine Gruppe der FDP-Stammwähler, am Wahlerfolg der Liberalen interessiert sein – und wenn auch nur ein gutes Zehntel dieser Wähler konsequenterweise die FDP wählen würde, hätte die kleine Partei ihr Wahlziel erreicht. Das "niedersächsische Einmaleins" nannte Martin Bangemann vor ein paar Wochen in Hannover dieses Kalkül. Ähnliche Rechnungen sind für die saarländische und die Berliner FDP bei den Landtagswahlen von 1985 aufgegangen.

Die FDP muß der CDU Wähler abspenstig machen, damit die CDU führende Regierungspartei bleibt. Dieser Widerspruch läßt sich taktisch denkenden Wählern zwar erklären, hemmt aber den Schwung des liberalen Wahlkampfes. Die FDP kann nur schlecht damit werben, sie kämpfe zwar für Ernst Albrecht, aber gegen eine allzu starke CDU. So bleibt den Liberalen die ständige Warnung vor einer möglichen rot-grünen Mehrheit und die Hoffnung darauf, daß die turbulenten Demonstrationen der Atomkraftgegner und die Beschlüsse des grünen Bundesparteitags in der Hannoveraner Stadthalle die unentschiedenen Wähler mehr beeinflussen als der Tschernobyl-Effekt.

Denn unter dem Eindruck des Unglücks in der Ukraine übernahmen gerade potentielle FDP-Wähler grüne Standpunkte – auch Wirtschaftsliberale, die sich von der Partei ihrer Wahl Steuersenkungen und andere ökonomische Wohltaten versprachen, wurden zu Kernkraftskeptikern. Die niedersächsische FDP freilich machte diesem Stimmungswandel kaum Konzessionen. Auf die Gefahr, atomkraftkritische Wähler – und vor allem Wählerinnen – an die Grünen oder die SPD zu verlieren, demonstrierte sie Einigkeit mit Ernst Albrecht und der CDU. Weil sich die FDP in Hannover als Garant der bürgerlichen Mehrheit anbietet, darf sie in keiner für SPD und Grüne wichtigen Frage gegen den erhofften Koalitionspartner Partei nehmen.

Darum auch spielt die Verteidigung des liberalen Rechtsstaats gegen Ideen und Maßnahmen der Konservativen wie das vorgetäuschte Bombenattentat in Celle für die niedersächsische FDP keine Rolle. Die Partei präsentiert allenfalls ein wirtschaftsliberales Profil und verspricht kleinen und mittleren Selbständigen, Steuerzahlern, sozialen Aufsteigern, aber auch den notleidenden Bauern wirtschaftliche Vorteile. Die Wissenschaftler an den Hochschulen des Landes sollen stärker mit der einheimischen Wirtschaft zusammenarbeiten, Bürokratie soll abgebaut werden. Der CDU werfen die Liberalen nicht falsche Entscheidungen vor, sondern Zaghaftigkeit und mangelnde Tüchtigkeit: Mit FDP-Ministern am Kabinettstisch könnte aus Ernst Albrecht so etwas wie ein norddeutscher Lothar Späth werden. Das bürgerliche Stammpublikum freilich, das diese Programmpunkte der FDP goutiert, ist so klein, daß die Parole "Mit eigener Kraft in die Zukunft" ungewollt komisch wirkt. Hans Jakob Ginsburg