Die eidgenössischen Bankiers sind mit dem Finanzminister unzufrieden

Lerne klagen, ohne zu leiden." Diesen kategorischen Imperativ der Schweizer Bauern haben nun auch die Schweizer Bankiers gelernt: "Wir müssen aufpassen, nicht eine zweite Uhrenindustrie zu werden", warnte jüngst Werner Schick, Direktor beim Schweizerischen Bankverein. Die einst so renommierte Uhrenbranche hatte in den siebziger Jahren die Elektronisierung verpaßt und auf den Weltmärkten riesige Verluste eingefahren, Zehntausende von Arbeitsplätzen mußten abgebaut werden.

Die Klagen der Bankiers passen freilich schlecht zur wirtschaftlichen Lage ihrer Branche. Die Banken präsentieren in diesen Wochen ihre Abschlüsse für 1985: lauter Glanzresultate. Mehr als zwanzig Prozent sind die Gewinne in Zürich, Basel und Genf geklettert. Bei der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG), der Nummer eins in der Zürcher Bahnhofstraße, freut man sich daher nicht nur über den Sieg der von ihr gesponserten Yacht "UBS Switzerland" bei der Regatta rund um die Welt, sondern ebensosehr über die reichen Rückstellungen fürs 125jährige Jubiläum anno 1987.

Bei vielen Politikern und weiten Teilen der Bevölkerung kommen die Klagen des Kreditgewerbes denn auch nicht besonders an. "Baby Doc" Duvalier und Ferdinand Marcos haben mit ihren Fluchtgeldern wieder einmal viel Lack abgekratzt vom Image der Geld- und Goldhändler. "Das Bankgeheimnis verliert in der Werbung für den Finanzplatz Schweiz an Bedeutung", sagt Nicolas Bär, der bedeutendste Vermögensverwalter in der Schweiz, dem Wirtschaftsmagazin Bilanz. Selbst Österreicher und Luxemburger schützen heute ihre Kunden besser als die Eidgenossen; ein Deckname genügt, das Nummernkonto ist eröffnet. In Zürich hingegen muß sich die Bank über die Herkunft der Gelder informieren, darf Fluchtgelder nicht akquirieren – eine Vereinbarung zur "Sorgfaltspflicht" zwischen den Banken und der Schweizerischen Nationalbank. Doch dieser Pakt hat viele Löcher. Anwälte und Treuhänder schlüpfen, durchs Berufsgeheimnis geschützt, mit den Vermögen von Mafiosi und Diktatoren – wie mit dem der ehrenwerten Leute – immer wieder hindurch.

Die Kommentare in der internationalen Presse schmerzen. "Das Bankgeheimnis zerbröckelt", meinte der britische Economist;"... Bankexperten glauben, daß die Sperrung der Marcos-Vermögen der Anfang vom Ende für die Fluchtgeld-Bankiers bedeuten könnte", schrieb das amerikanische Magazin Business Week. Und richtig geärgert hat man sich über Pierre Languetin, den Präsidenten der Nationalbank, der erstmals ausgerechnet im deutschen stern forderte, "die Banken müßten verpflichtet werden, die Identität ihrer Kunden in jedem Fall zu kennen".

"Wir können doch gar nicht Polizisten spielen", schimpft Kurt Schiltknecht, Direktor der Nordfinanz in Zürich, ein politisch ganz unverdächtiger Zeuge. Bis 1984 war er Chefökonom der Nationalbank; an die Spitze des Noteninstituts als Nachfolger von Fritz Leutwiler gelangte der Wirtschaftsprofessor trotz des falschen Parteibuches – er ist Sozialdemokrat. Schiltknecht sieht viel größere Gefahren für den Finanzplatz Schweiz als die Schwächen im Bankgeheimnis: die mangelnde Flexibilität der Banken selbst, die mangelnde Ausbildung der Bankiers und – das Wirken eines Genossen: des sozialdemokratischen Finanzministers.

Gegen Otto Stich, den Kassenwart der Eidgenossen, liefen die Banken, die ihnen nahestehenden Parlamentarier und Publizisten Sturm, lange bevor die neuen Fluchtgeld-Affären Schlagzeilen machten. "Vulgärfiskalist" schimpfte ihn die Neue Zürcher Zeitung. Vor drei Jahren hatte die bürgerliche Parlamentsmehrheit Stich gegen den Willen der Sozialdemokraten in den Bundesrat, die Schweizer Regierung, gewählt. In der Regierung, der großen Koalition von zwei Sozialdemokraten und fünf Bürgerlichen aller Schattierungen, war ihnen der ehemalige Handelslehrer genehmer als die offizielle – linke – Kandidatin der Sozialdemokraten. Doch schon bald merkten sie, daß sie sich ein Kuckucksei ins Nest gelegt hatten. Stich ist nicht der bequeme Partner der Bürgerlichen, ärgert mit seiner konsequenten – seine Gegner sagen: "sturen" – Politik des ausgeglichenen Haushalts Banken und Business und mit Sondersteuern und neuen Zöllen auch die breite Bevölkerung.