Von Alexander von Bormann

Im Mai 1985 erschien unter dem Titel "Rattetot..." der Briefwechsel von Peter Schneider mit Peter-Jürgen Boock, den Schneider auch "Gespräche eines Schiffbrüchigen mit einem Bewohner des Festlands" nannte (Teilvorabdruck in der ZEIT 15/85 vom 5. April 1985). Boock hatte sich Ende 1979 von der Rote Armee Fraktion (RAF) losgesagt, wurde 1981 verhaftet und im Mai 1984 zu dreimal lebenslänglich und noch 15 Jahren Gefängnis dazu verurteilt: zu jenem Zeitpunkt die höchste Strafe, die jemals von einem Gericht in der Bundesrepublik Deutschland verhängt worden ist.

Im Klappentext des Buches lesen wir: "Peter-Jürgen Boock steht unter einem doppelten Druck. Seinen Versuch, mit eigener Stimme zu sprechen, muß er nicht nur gegen die Vorwürfe seiner ehemaligen Mitstreiter verteidigen."

Davon zeugt der Briefwechsel, hinter dessen Sätzen, wie Boock einräumt, "eine reichlich zersprungen-zersplitterte Geschichte steht". Die Einsicht: "Ich habe zu oft geschwiegen und bin meinen Widersprüchen nicht nachgegangen", bedrängt ihn und führte ihn zum Schreiben.

Boock nimmt für sich in Anspruch, nicht getötet zu haben und auch niemanden veranlaßt zu haben, das zu tun. Das Gegenteil konnte ihm auch nicht nachgewiesen werden. Das unverhältnismäßig scharfe Urteil sollte offensichtlich der Abschreckung dienen und bezeugt wohl auch den Ärger der Justiz, daß Boock nicht "auspacken" wollte. Erich Fried hat den 3. Teil seines Gedichtbandes "Beunruhigungen" Peter-Jürgen Boock "und allen anderen Opfern einer gnadenlosen Justiz gewidmet". Der Lamuv-Verlag hat nun, nicht ohne allerlei Behinderungen von höherer Hand, den Band "Vogelfrei – Gedichte" von Peter-Jürgen Boock herausgebracht.

Die Gedichte sind Versuche, die Wirklichkeit nicht ganz zu verlieren. In einem Brief hatte Boock geschrieben: "nach einiger zeit verliert der schiffbrüchige das draußen immer mehr aus den augen, das wasser wird zur akzeptierten grenze einer in sich geschlossenen weit." Ein Gedicht, das im neuen Band nicht gedruckt ist, hatte er "identitätskrise" genannt: "ich bin ich/ mit glied/ einer kette/ anderer umstände/ die mich nicht/ verhüten konnten/ oder wollten/ ich bin ich/ bin ich/ich?"

Das erste Gedicht im Band "Vogelfrei" erscheint wie eine Antwort auf diese Frage: SELBSTWERTGEFÜHL "ich bin/ der schmerz/den ich fühle/ ich bin/ die hülle/ um die leere/ ich bin/ die Oberfläche/ über die ich oft/ nicht hinauskomme/ ich bin/ die angst/ hinter den fragen/ die ich nicht stelle/ ich bin/ der schweiß/ der mich aus träumen/ erwachen läßt/ ich bin dennoch/ die einzige hoffnung/ die ich habe."