Von Marion Gräfin Dönhoff

Die Südafrikaner zittern vor dem 16. Juni, denn das ist der Tag, an dem sich die Revolte von Soweto zum zehnten Mal jährt. Die schwarzen Gewerkschaften haben für diesen Tag zum Generalstreik aufgerufen, vom ANC (African National Congress) aus Lusaka kam die Order, aktiven Widerstand zu leisten, die jungen Schwarzen sammeln Flaschen und Steine.

Die beiden großen revolutionären Aufstände jener von 1976 und die blutigen Unruhen, die zur Zeit das Land aufwühlen, sind beide durch unbegreifliches Unverständnis und sträfliche Gleichgültigkeit der weißen Regierung nicht nur ausgelöst sondern wirklich provoziert worden. In beiden Fällen war es kein Blitz aus heiterem Himmel, der den Aufruhr in die schwarzen Townships trug, vielmehr der stupide Dünkel der weißen Bürokratie, die von sich gern behauptet, niemand kenne Psyche und Mentalität der Schwarzen so gut wie sie. Dabei sind es Welten, die sie voneinander trennen.

Die Regierung kann sich nicht vorstellen, daß die Aufstände berechtigtem Protest und aufgestautem Ärger der rechtlosen Schwarzen entspringen; sie glaubt, dies alles sei das Werk kommunistischer Agenten. Darum wird auch nicht über eine politische Wende nachgedacht, sondern nur über solche Reformen, die an der Machtverteilung nichts ändern. Allenfalls wird die Polizei vermehrt: heute sind es 46 000 Mann (die Hälfte davon Schwarze), für März 1987 sind 56 000 vorgesehen, und 1993 sollen es 68 000 sein.

Worum ging es damals bei den ersten schweren Unruhen vor zehn Jahren? Es ging um Afrikaans als Unterrichtssprache. Gegen monatelange, heftige Proteste von Lehrern, Eltern und Schülern wurde bedenkenlos verordnet, daß vom fünften Schuljahr an (die ersten vier Jahre wird im Stammes-Idiom unterrichtet), die Hälfte der Fächer wie zuvor in Englisch, aber die andere Hälfte in Afrikaans gelehrt werden muß. Afrikaans aber ist die Sprache der Polizei und daher verhaßt; außerdem bestand der berechtigte Verdacht, die Schüler sollten auf diese Weise von der lingua franca Afrikas abgeschnitten werden. Fünftausend Schüler inszenierten daraufhin einen Protestmarsch, der zu einer spontanen Explosion führte: Schulen wurden angesteckt, öffentliche Einrichtungen demoliert, die Empörung griff auf andere Städte über, die Polizei geriet außer Rand und Band. Am Schluß waren 700 Schwarze tot – viele von ihnen Kinder.

Die Regierung rechnet für den 16. Juni mit großen Unruhen. Sie hat alle Zusammenkünfte und Gedenk-Aktionen verboten. Erzbischof Tutu fordert, die Anordnung nicht zu respektieren: "Ich werde die Pastoren anweisen, am 16. Juni Gedenkgottesdienste zu halten. Ich selbst werde dies ebenfalls tun." Vor zehn Jahren, bei den Unruhen 1976, klang es noch keineswegs so selbstsicher; damals rief Tutu: "Oh, Gott, bitte, bitte hilf uns – laß die Weißen unsere Stimme hören, ehe es zu spät ist."

Die derzeitige Revolte hat im Herbst 1984 begonnen. Seither ist keine Woche vergangen, in der nicht mindestens ein Dutzend Tote oder noch mehr Opfer zu beklagen waren – insgesamt bisher über 1600. Die Eskalation von schwarzem Radikalismus und polizeilicher Brutalität hört nicht auf. Diesmal war der Anlaß die Verkündung der neuen Verfassung. Sie wurde von vielen als "Schritt in die richtige Richtung" bejubelt, weil sie Mischlingen und Indern das Wahlrecht zugestand. Als aber die Schwarzen feststellten, daß sie in der neuen Verfassung gar nicht vorkamen, daß für sie mithin in der Gesellschaft Südafrikas kein Platz ist und sie auch in Zukunft ohne Recht sein würden, da riß ihnen die Geduld. Diese bittere Erkenntnis wurde zum Fanal.