Schon wahr, daß sich die Grünen mit ihrem Wahlprogramm für 1987 viele Blößen gegeben haben, die auf die Hüter der etablierten politischen Kleiderordnung nur anstößig wirken können. Und die eher verlegene Reaktion ihrer Bonner Parlamentsmannschaft auf die Attacken gegen das Programm zeigt, daß sich auch nicht alle Grünen in ihrer Haut wohl fühlen. Aber die Art und Weise, in der sie letzte Woche in zwei Aktuellen Stunden des Bundestags wegen dieses Programms und im Vorfeld der Niedersachsen-Wahl von der Union und der FDP rhetorisch niedergemacht worden sind – diese Reaktion war auch ohne Beispiel.

Der alte Haß auf die Störenfriede blühte wieder böse auf, die SPD, selbstverständlich in rot-grüne Mithaft genommen, stand ziemlich betreten dabei, und von der Sache, bei der es unter anderem um die Folgen von Tschernobyl ging, war im Grunde nicht die Rede.

Überflüssig, auch nur einige der vielen Verbalinjurien und Gehässigkeiten, die keiner der Sitzungspräsidenten rügte, zu zitieren. Einen Ordnungsruf bekam bloß einer der Grünen, und daß ihnen die Quotierung der Redezeit nur fünf, dem Regierungslager aber fünfzig Minuten ließ, darüber regt sich schon keiner mehr auf.

Nein, zum Niveau und Stil genügt es, Alfred Dreggers Diktum von den "Agenten der Sowjetunion" zu zitieren. Doch ein solches Wort hat einen Umkreis. Dazu gehört ein Schreiben, in dem sich die Grünen beim "lieben Generalsekretär" Gorbatschow für den Reaktorunfall bedanken, denn "mit vertretbaren Verlusten bei Euch konnte bei uns eine große Wirkung erzielt werden" – nämlich derart, "daß wir hoffen können, in absehbarer Zeit die gemeinsame Friedenspolitik von Grünen und UdSSR in Regierungshandeln in der BRD umsetzen zu können". Mehr noch: Wirtschaftliche Rückschläge, die mit der wahrscheinlichen Abschaltung von Kernkraftwerken einhergingen, würden der Rechts-Koalition angelastet werden und damit die Wanlchancen der Grünen entscheidend erhöhen. "Allerdings könnte ein zweiter, kleinerer Reaktorunfall nichts schaden, damit Tschernobyl in der Erinnerung der Wähler bleibt."

So in einem "ungeschriebenen Brief", nachzulesen in der Entscheidung, der Postille der Jungen Union. Er soll wohl Ironie sein, aber so etwas gedeiht auf dem Humus, den Dregger und andere bereiten, auch wenn es zu ihren Injurien keinen unmittelbaren Zusammenhang gibt. Sollten die jungen Leute in der CDU/CSU nicht sensibler sein für das, was nicht nur ihre Altersgenossen ängstigt? Aber nicht doch, sie sind sozusagen schon ihre eigenen Großväter: steinern, verknöchert, bösartig.

Die Grünen ficht das freilich nicht an, ihre Zuversicht blüht jenseits solcher Infamien. Was Wunder, wenn sie als erste für den kommenden Sonntagabend zu einer Wahlfete in ihr Refugium bei Bonn eingeladen haben, zur Diskussion des niedersächsischen Stimmgangs, wie das auch bei den anderen Parteien der Brauch ist, zumal dann, wenn das Votum auf die Bundespolitik eine so große Ausstrahlungskraft haben wird wie die Entscheidung in Hannover.

Das läßt sich auch an der gespannten Ruhe erkennen, die sich in Bonn desto mehr ausbreitet, je näher der Sonntagabend rückt. Eine Stille vor dem Sturm, so oder so? Andererseits, wenn sich die nervöse Spannung gelöst haben wird, dann kann es in Bonn wohl fürs erste wieder normaler zugehen – und weniger niederträchtig.

Carl-Christian Kaiser