Von Margrit Gerste

Bonn, im Juni

Rita Süssmuth durfte auf keinen Fall verlieren, sonst wäre die Erschaffung der schönen neuen Frauenwelt im biblischen Eiltempo durch Kanzler und Generalsekretär gefährlich ins Stocken geraten. Sieben Tage noch bis zur Wahl in Niedersachsen, sieben Monate bis zu den Bundestagswahlen – und immer noch sind weder Partei noch Wählerinnen auf Linie. Nicht wenige Christdemokraten beiderlei Geschlechts finden diese Welt nicht schön, zu neu, fast umstürzend; junge Frauen, für die sie gebaut werden soll, um sie vom Zwang zu befreien, "rot" oder "grün" zu wählen, argwöhnen hingegen, diese Welt sei zu schön, um wahr zu sein. Wer die Basis zu den emanzipatorischen Leitsätzen des Essener Frauen-Parteitages bekehren will, den Heiner Geißler so meisterlich inszenierte, geht durch ein Fegefeuer, sagt die CDU-Bundestagsabgeordnete Renate Hellwig: harte Arbeit, glanzlos, Frauenarbeit. Wer wie Rita Süssmuth, Ministerin für Jugend, Familie, Gesundheit und neuerdings Frauen, als stärkste bundespolitische Waffe im niedersächsischen Wahlkampf eingesetzt wird, kriegt dort zu hören: "konservative Mogelpackung", "Alibifrau", "Außenseiterin", "nur auf Stimmenfang aus".

Innerparteiliche Intransigenz und öffentliche Ungläubigkeit aber gilt es im Wahljahr schnell, gezielt und ohne Rücksicht auf Schmerzgrenzen zu bändigen. Eine Gelegenheit bot die Frauenvereinigung der CDU, die am vergangenen Samstag eine Vorsitzende zu wählen hatte; Helga Wex, lange Jahre auf diesem Posten, war im Januar gestorben.

Schon im Februar meldete Renate Hellwig ihre Kandidatur an, im April trat dann auch Rita Süssmuth in die Arena, zwei Frauen mit höchst unterschiedlichen Biographien. Renate Hellwig ist seit 1970 in der CDU, Beamtenkarriere in Bonn und Baden-Württemberg, fünf Jahre Staatssekretärin in Heiner Geißlers Sozialministerium in Rheinland-Pfalz, zehn Jahre im Bundesvorstand der CDU-Frauenvereinigung, seit 1980 im Bundestag. Ein "altgedientes, leicht ramponiertes Schlachtroß" sei sie, sagt die 46jährige Junggesellin, das schon zehn Jahre vor "Essen" an vorderster Front gekämpft habe. Damals legte sie sich heftig mit dem mächtigen Norbert Blüm an und war strikt gegen seinen programmatischen Wunsch nach mehr Mütterlichkeit und der "sanften Macht der Familie".

Rita Süssmuths kometenhafter Aufstieg von konservativem Neuland aus ist in der CDU ohne Beispiel. Vergleichbare Bonner Professorenkarrieren bei den Sozial-Liberalen – Leussink und Dahrendorf – verbrannten schnell. Erst 1981 wurde die 49jährige Erziehungswissenschaftlerin und Frauenforscherin Mitglied der CDU. Sie begründete diesen Schritt einmal mit ihrer religiös-katholischen Prägung und ganz pragmatisch: "Ich bin von der CDU häufig als Expertin benannt worden", in frauen-, familien- und jugendpolitischen Fragen. An den Essener Leitlinien hat sie entscheidend mitgewirkt. Im Herbst vergangenen Jahres machten Kohl und Geißler sie zur Ministerin.

Die Bonner Frauen schwiegen betreten, sie waren nicht einmal informiert worden. Sie versöhnten sich schnell mit Rita Süssmuth, die wahrlich ein Glanzstück in dieser so glanzlosen Regierung ist und viel zuviel Beifall von der "falschen" Seite kriegt. Sie ist dies aus eigenem Recht, nicht aber aus eigener Macht. Was ihr fehlt, ist eine nach außen wie nach innen deutlich sichtbare Parteibindung und eine Hausmacht.