"Einmal mußte es ja heraus. Und man beachte die von mir längst ersehnte Formulierung: Denn er war unser. Aber weiß Gott, ich war ihrer nicht, und ich behalte mir vor, meinen Nachruf ihnen selbst zu halten, in dem Moment, in dem sie zum ersten Mal das Maul aufmachen wollen. Er wird, testamentarisch vorbereitet, lauten: KUSCH!"

K. K.: Rechenschaftsbericht (1928)

Er habe alles reiflich erwogen. Er habe die Tragödie, die in die Szenen der zerfallenden Menschheit zerfällt, auf sich genommen; die schauerliche Symphonie der Taten, die Berichte hervorbringen und der Berichte, welche Taten verschulden; den Grundton der Zeit, das Echo seines blutigen Wahnsinns. Er habe nichts weiter getan, als diese tödliche Quantität verkürzt, die sich in ihrer Unermeßlichkeit auf den Unbestand von Zeit und Zeitung berief. Denn: All ihr Blut war doch nur Tinte – nun wird mit Blut geschrieben sein!

Er schrieb mit dem Blut seines entsetzten Herzens. Zum Aufschrei erschrocken. Zur Polemik ernüchtert. Zum Hohn erzürnt. Zur Anklage ermächtigt und zur Klage befähigt. Schließlich erbarmte er sich und fällte das Urteil: Es konnte niemand Gnade finden, der sich gegen die Würde der Kreatur vergangen, der das stille, ewige Gesetz gebrochen hatte, in dem der Richter den Willen des Schöpfers, jenen sittlichen Wert, der allen Tugenden zugrunde liegt, erkannt hatte.

Er war davon besessen, auf Punkt und Komma abzurechnen. Er war ein Buchhalter, grauenvoll pedantisch, mit stechendem Blick, korrekt und unbestechlich. Er führte Bericht über die Verbrechen der Menschen, die sie im Namen von Phrasen gegen die Menschheit begangen hatten.

Er war ein Träumer. In seinen schlaflosen Arbeitsnächten erwachte in ihm die Sehnsucht nach der unberührten, makellosen Unschuld der Kindheit. Er nahm sich die Freiheit der Phantasie, und so durchlebte er irdisches Glück und himmlische Liebe; erlebte, wie das Gute siegen konnte und das Böse aus dem weiten Land der Seele weichen mußte. In knabenhafter Verehrung hielt er Treue, dem Geliebten und dem Angebeteten, dem Traum, der in seinem reinen Herzen wohnte.

Bitter klagte der Romantiker darüber, daß es ihm, dem Beredten und Wortgewaltigen, nicht vergönnt war, zu schweigen. Erst als er erkennen mußte, daß ihm die blutige Niedertracht des Tages die Rückkehr in sein nächtliches Reich verschloß, daß er jeden Morgen aufs neue aus seinem Paradies vertrieben wurde, erst dann erhob er die Stimme.