KUSCH!

"Einmal mußte es ja heraus. Und man beachte die von mir längst ersehnte Formulierung: Denn er war unser. Aber weiß Gott, ich war ihrer nicht, und ich behalte mir vor, meinen Nachruf ihnen selbst zu halten, in dem Moment, in dem sie zum ersten Mal das Maul aufmachen wollen. Er wird, testamentarisch vorbereitet, lauten: KUSCH!"

K. K.: Rechenschaftsbericht (1928)

Er habe alles reiflich erwogen. Er habe die Tragödie, die in die Szenen der zerfallenden Menschheit zerfällt, auf sich genommen; die schauerliche Symphonie der Taten, die Berichte hervorbringen und der Berichte, welche Taten verschulden; den Grundton der Zeit, das Echo seines blutigen Wahnsinns. Er habe nichts weiter getan, als diese tödliche Quantität verkürzt, die sich in ihrer Unermeßlichkeit auf den Unbestand von Zeit und Zeitung berief. Denn: All ihr Blut war doch nur Tinte – nun wird mit Blut geschrieben sein!

Er schrieb mit dem Blut seines entsetzten Herzens. Zum Aufschrei erschrocken. Zur Polemik ernüchtert. Zum Hohn erzürnt. Zur Anklage ermächtigt und zur Klage befähigt. Schließlich erbarmte er sich und fällte das Urteil: Es konnte niemand Gnade finden, der sich gegen die Würde der Kreatur vergangen, der das stille, ewige Gesetz gebrochen hatte, in dem der Richter den Willen des Schöpfers, jenen sittlichen Wert, der allen Tugenden zugrunde liegt, erkannt hatte.

Er war davon besessen, auf Punkt und Komma abzurechnen. Er war ein Buchhalter, grauenvoll pedantisch, mit stechendem Blick, korrekt und unbestechlich. Er führte Bericht über die Verbrechen der Menschen, die sie im Namen von Phrasen gegen die Menschheit begangen hatten.

Er war ein Träumer. In seinen schlaflosen Arbeitsnächten erwachte in ihm die Sehnsucht nach der unberührten, makellosen Unschuld der Kindheit. Er nahm sich die Freiheit der Phantasie, und so durchlebte er irdisches Glück und himmlische Liebe; erlebte, wie das Gute siegen konnte und das Böse aus dem weiten Land der Seele weichen mußte. In knabenhafter Verehrung hielt er Treue, dem Geliebten und dem Angebeteten, dem Traum, der in seinem reinen Herzen wohnte.

Bitter klagte der Romantiker darüber, daß es ihm, dem Beredten und Wortgewaltigen, nicht vergönnt war, zu schweigen. Erst als er erkennen mußte, daß ihm die blutige Niedertracht des Tages die Rückkehr in sein nächtliches Reich verschloß, daß er jeden Morgen aufs neue aus seinem Paradies vertrieben wurde, erst dann erhob er die Stimme.

KUSCH!

Von nun an nahm er die Zeit beim Wort. "Meinen Sie das wörtlich?" fragt der Optimist den Nörgler, sein Alter ego, in einem der Dialoge aus den "Letzten Tagen der Menschheit". "Sachlich und wörtlich, also wörtlich." Er ging dazu über, Druckfehler für den authentischen Text zu halten. Sie waren ihm Beweis und Dokument für die Absicht, die hinter jeder Zeile lauerte. So verriet sich ihm der Verrat an der Sprache; so kündigte sich ihm die Katastrophe an. Er hat lediglich notiert, was bereits geschrieben stand.

"Am Ende war das Wort", so schrieb er. "... ich bin vorhanden, vae victoribus!"

Das drohende Echo dieser Warnung ist, fünfzig Jahre nach seinem Tod, noch nicht verhallt. Doch Karl Kraus, der geniale Befreier der Sprache aus der babylonischen Verluderung, ist seiner Nachweit zur Beute gefallen. "Non vivere, deinde wird sich finden", forderte er von den Zeitgenossen. Die Nachwelt fand jedoch in seinem umfangreichen Werk einen Zettelkasten für geflügelte Worte; seine Aphorismen wurden zu Bonmots degradiert, die Stationen seines Lebenskampfes in Expertisen zerfleddert, sein Charakter Mutmaßungen ausgesetzt. Selbst Wien, die Heimatstadt, die er verachtete, wie man nur verachten kann, was man nie verehrt hat, benannte vor kurzem einen trostlosen Weg in "Karl-Kraus-Gasse".

... achte nur der Milbe

Das testamentarisch verfügte "Kusch!" verstummt im Jubiläumsjubel des "Denn er war unser!"

Am 12. Juni 1936 starb Karl Kraus an einem Herz- und Gehirnschlag. In einer kalten Winternacht stieß ihn ein Radfahrer zu Boden. Hart schlug sein Kopf auf das Straßenpflaster. Er litt fortan an starken Kopfschmerzen, Gedächtnislücken plagten sein sonst so untrügerisches Erinnerungsvermögen. Im Mai reiste er nach Prag, anschließend wollte er seiner Geliebten, der böhmischen Aristokratin Sidonie Nadherny von Borutin, auf Schloß Janovice, dessen Park mit seiner "fünfhundertjährigen Pappel" ihm ein Elysium war, einen Besuch abstatten. Doch zu sehr war sein Herz bereits angegriffen. Er konsultierte einen Arzt, der Kraus über seinen tatsächlichen Gesundheitszustand hinwegtäuschte. In zwei Tagen werde er in der Lage sein, seine Reise fortzusetzen.

Zwei Tage später verlor er das Bewußtsein. Sterbend wurde er nach Wien gebracht. Seiner vertrauten Freundin Helene Kann hatte er anvertraut: "Nur im Zustand des Irrsinns kann ich dem Tod verfallen. Es ist nicht wahr, daß Goethe friedlich starb. Er schrie drei Tage und drei Nächte lang in Todesangst."

KUSCH!

Karl Kraus starb qualvoll. Die Angst vor dem Sterben, noch mehr die Angst vor dem Tod, hatte ihn seit langem erfaßt: aus einem Leben geritten werden, das er so sagbar unerträglich empfunden hatte; seiner Arbeit entrissen werden; seiner Aufgabe entsagen müssen, getreulich die Menschheitstragödie zu notieren. Gewiß, die Gegenwart war ihm zur "Widerwart" geworden; doch aus der Summe aller Erdentage mußte Bilanz gezogen werden, die Ewigkeit forderte ihr Recht. Er war ihr Sachwalter. "Aber zum Dichter, welcher ihn spürt, spricht entschädigend der Traum: Im Taggekribbel achte nur der Milbe, was macht es, daß sie’s selber nicht versteht; du bleibst am Leben, das im Tod vergeht, du lebst im Wort und stirbst an einer Silbe."

In der Nacht vom 27. auf den 28. August 1935 hatte er in seiner nahezu unleserlichen Handschrift sein Testament zu Papier gebracht. Der letzte Absatz beginnt so: "Nur weil mein Leben so wenig eine Familienangelegenheit sein sollte, wie es mein Leben – der Arbeit wegen – sein mußte ..." Wo "Tod" stehen müßte, schrieb er "Leben". Er, der wie kaum ein Zeitgenosse die Psychoanalyse geschmäht und verhöhnt hatte, der jene aufgeklärten Humanisten verachtete, die der Seele ihr Mysterium entreißen wollten, und die in der Unschuld der Kindheitsphantasien nichts als sexuelle Not sahen und auf ihrer schmutzigen Couch den Mann im Knaben ausfindig machten; er, der Bewahrer der Geheimnisse und der Hüter der Rätsel, hat sich zuletzt selbst verschrieben und einer Freudschen Fehlleistung schuldig gemacht. Das war der große Druckfehler seiner Seele.

So blieb er sich treu bis in den Tod. In eigener Sache hat Karl Kraus einmal in der Fackel in einem Glossen-Titel inseriert: "Größere Gegner gesucht. Wissend, daß ihm auf Erden keiner erwachsen konnte, es sei denn der, dessen Name ihm die Sprache verschlug. "Die Sprache tastet wie die Liebe im Dunkel der Welt einem Urbild nach."

War der Gegner, den er suchte, der Tod? Unter den Stellvertretern des Todes auf Erden konnte Karl Kraus keinen finden, der ihm gewachsen war. Wenn er schwieg, vorübergehend, so war sein Schweigen beredte Anklage, schlimmer noch als sein Richterspruch. Dann war er Scharfrichter: "Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte." Er resignierte nicht, sondern er versagte, eingedenk der Allmacht seiner Worte, dem Nationalsozialismus sein Urteil; es mußte nur vollstreckt werden – wortlos.

Schon einmal, in dem niederschmetternden Plädoyer gegen die Vaterlandsgesellen, die den Ersten Weltkrieg herbeigeredet hatten ("In dieser großen Zeit"), ward das Schweigen zur letzten Konsequenz des Sprechens: "In den Reichen der Phantasiearmut, wo der Mensch an seelischer Hungersnot stirbt, ohne den seelischen Hunger zu spüren, wo Federn in Blut tauchen und Schwerter in Tinte, muß das, was nicht gedacht wird, getan werden, aber ist das, was nur gedacht wird, unaussprechlich. Erwarten Sie von mir kein eigenes Wort ... Die jetzt nichts zu sagen haben, weil die Tat das Wort hat, sprechen weiter. Wer etwas zu sagen hat, trete vor und schweige!"

Nichts bleibt von mir

So klang seine Zeugschaft wider das Unrecht. Dieses war das "Große Schweigen", die letzte Regieanweisung der "Letzten Tage der Menschheit", das "Meteorregen", "Flammenlohe" und "Weltendonner" folgt und der "Stimme Gottes" vorausgeht, die da sagt: "Ich habe es nicht gewollt."

KUSCH!

Der Tod hingegen ließ den schweigend Beredten unwiderruflich verstummen. Er entzog ihm das Wort. Sechs Jahre bevor er starb hatte sich Karl Kraus sein eigenes Epitaph in Verse gesetzt: "Wie leer ist es hier/an meiner Stelle./Vertan alles Streben./Nichts bleibt von mir/ als die Quelle,/die sie nicht angegeben."

Helene Kann hielt Wacht an seinem Totenbett. Sie erzählte, wie Kraus, nur noch bei halbem Bewußtsein, murmelnd über den behandelnden Arzt Klage führte. "Ach Karl, dem tust du auch unrecht", sagte sie. Da richtete er sich plötzlich auf, und mit kraftvoller Stimme fragte er: "Wem habe ich denn jemals unrecht getan?"

"Karl Kraus ist abgestiegen zur Hölle, zu richten die Lebendigen und die Toten", so meinte Oskar Kokoschka. Umgeben von Larven und Lemuren, Hyänen und geistigen Schiebern, Maulenden, Wohlmeinenden, entzückten Liebhabern und Klugscheißern thronte er, ein dürrer Herr der Worte, und hielt im Kreidekreis der Sprache an jedem Tag des Jahres Zeitgericht, das doch nur den Spruch des Weltgerichts vorwegnahm. Vor den Schranken johlte die Masse. Die Spottdrosseln pfiffen es in Wien von den Dächern, wenn der unbestechliche Richter, "der Schätzmeister, vor dem nichts besteht, als der Wert dessen, was zwischen den Worten ist", prüfte, wog und befand.

"Er hatte eine Hetzmasse aus Intellektuellen gebildet", erinnerte sich Elias Canetti. Es war so, wie Kraus es selbst in einem Epigramm reimte: "Ich muß sie alle vereinen,/ die ich einzeln nicht gelten lasse./Aus tausend, die jeder was meinen,/mach’ ich eine fühlende Masse./Ob der oder jener mich lobe,/ ist für die Wirkung egal./ Schimpft alle in der Garderobe,/ihr wart mir doch wehrlos im Saal!"

In 700 Vorlesungen, auf den 23 000 Seiten der 415 Fackel-Hefte, in Gedichtbänden, Essays, Dramen und Polemiken tagte der Gerichtshof. Jeder, der sich in den Zeugenstand wagte, landete unweigerlich auf der Anklagebank. Alles, was er hörte, war ihm Beweis gegen den, von dem er es gehört hatte. Er saß auf seinem Richterstuhl, der fest gefügt war wie die ehernen Regeln der Syntax und sprach Recht wider das Inventar der Zeit. Seinen Jüngern galt sein Urteilsspruch als absolutes Gesetz.

"Es war hart und natürlich wie Granit, den keiner zu bekratzen oder zu bekritzeln vermocht hätte", schrieb Canetti, selbst einst unter den Gefolgsleuten (den zweiten Band seiner Autobiographie nannte er "Die Fackel im Ohr"): "Dieses Gesetz glühte: es strahlte aus, es sengte, es vernichtete."

Karl Kraus maßte sich endgültige Urteile an, da er sich absolut verantwortlich fühlte für Moral und Wahrheit und Menschenwürde. Sein Kodex der Sittlichkeit war so abgefaßt, daß er in Form der Sprachlehre veröffentlicht werden konnte. Daran arbeitete er bis zu seinem Tode.

KUSCH!

Auch Walter Benjamin, der Kraus in der Dreieinigkeit von "Allmensch-Dämon-Unmensch" beschrieb, sah in dem "Silbenstecher" vor allem eine juridische Instanz: "Seine ganze feuerfressende, degenschluckende Philologie der Journale geht ja ebensosehr wie der Sprache dem Recht nach. Man begreift seine Sprachlehre nicht, erkennt man sie nicht als Beitrag zur Sprachprozeßordnung, begreift das Wort des anderen in seinem Mund nur als corpus delicti..."

Als Gymnasiast sah sich Kraus vor die Wahl gestellt, Schauspieler oder Schriftsteller zu werden. Er versuchte sich auf einer Vorstadtbühne als Franz Moor, im Zuschauerraum saßen seine Freunde aus dem Literatur-Cafe "Griensteidl". Das Debüt endete in einem Debakel. Kraus erkannte, daß er kein Schauspieler war, der anderer Menschen Rollen darstellen konnte, sondern Schausteller, der die Rollen, die andere Menschen spielen, bloßstellt. Er fühlte sich dazu ausersehen, die Larven zu demaskieren, die "Larven der Käuflichkeit und der Geschwätzigkeit, der Niedertracht und Bonhomie, der Kinderei und der Habsucht, der Verfressenheit und der Hinterlist ... Die Zitate der Fackel sind mehr als Belegstellen: Requisiten von mimischen Entlarvungen durch den Zitierenden" (Benjamin).

Das Publikum huldigte ihm, dem großen Tragöden der untergehenden Menschheit. Seine Monologe waren Offenbarungen. Er war der Abgott einer Claque, die allerdings nur selten das große, monomane Konzept des Intendanten dieses "Marstheaters", dem nicht nur die "Leuten Tage der Menschheit", sondern sein gesamtes, nicht mehr faßbares Werk zugedacht waren, erkennen konnte. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Mann: "Die Blutprobe des Wortes spottet der Diagnose von Pfuschern und Lügnern."

Die Blutprobe des Wortes

Dennoch war Karl Kraus ein Religionsgründer. Prophet und Hoherpriester seiner selbst, Erfüller einer Pflicht, die er sich selbst auferlegt hatte. Er hat sich berufen, als ihn der Ruf der Phrasen ereilte. "Es ist ja ein Kreuz mit der Sprache", seufzt der Optimist. "Das man auf der Brust trägt", entgegnet der Nörgler: "Ich trag’s auf dem Rücken."

Er suchte die klösterliche Askese seines Arbeitszimmers, die Nacht, die Einsamkeit, den Freiraum, in dem seine Träume Platz fanden. "Ich arbeite Tage und Nächte. So bleibt mir viel freie Zeit. Um ein Bild im Zimmer zu fragen, wie ihm die Arbeit gefällt, um die Uhr zu fragen, ob sie müde ist, und die Nacht, wie sie geschlafen hat."

Er suchte auch Distanz zu den Menschen. Er wollte die Verehrer – "Ich werde mir schon abtrünnig, wenn ich nur das Wort höre" – nicht an sich heranlassen. Er war menschenscheu, vereint mit der Ahnung drohender Enttäuschung und dem Wissen, daß er eines Tages keine andere Wahl haben werde, als in dem Freund den Gegner zu sehen. Seine Loyalität war unerbittlich.

KUSCH!

Die Einsendungen an die Fackel der "zentnerschwere Plunder an Ekstasen", waren jedoch nicht zu unterbinden. Devotionalien erreichten ihn in anonymen Verszeilen: "Und Gott steht auf aus dieser Welten Gruft/durch jenen Ruf, der durch die Zeiten ruft." Trudl Grohsmann schickte dem Meister ein schwärmerisches Billett: "So wurde all mein Denken und Fühlen doch immer wieder von der tiefen Harmonie und Ausgeglichenheit ergriffen, die man sonst nur durch einsame, in der Natur verlebte Stunden oder durch die genialsten Werke großer Musiker erlangen kann." Ein Oberlehrer dankte "froh", daß "Sie endlich das Rätsel Ihres Apostrophs einer Lösung entgegengeführt haben", und ein anderer "Hochachtungsvoll-Ihr" bat am Ende seiner Zuschrift: "Machen Sie bitte keine Glosse über mich; ich bin ein armer Teufel."

Anfänglich hatte Karl Kraus Leserpost ermutigt. In seitenlangen "Antworten des Herausgebers" fungierte er als Lebenshelfer, Sprachpolizist oder Ratgeber ("Cordelia: Lieben Sie – und schweigen Sie"). Doch bald untersagte er seinem Publikum die mitteilsame Annäherung. Er mochte es fortan nur noch schweigend, nur noch als Leser, und mithin als Material der Fackel, dulden. Es durfte sich an seinen Selbstdarstellungen weiden, durfte Zeuge seiner großen Abrechnungen werden – mit dem Erzfeind, der Wiener Neuen Freien Presse, mit dem Wiener Polizeipräsidenten Johann Schober, mit dem Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr, mit Hermann Bahr, dem Dichtervater aus Linz oder mit dem erpresserischen Pressezaren Imre Bekessy. Doch die Leser durften nicht in die Abgeschiedenheit seiner Richtstätte vordringen. "Ich bin dafür, daß man den Leuten verbietet, das, was ich denke, zu meinen", schrieb er schon 1915.

Die Huldigung, die ihm ein Kurt Hiller erbot, war daher unausbleiblich: "... und weiß nun, daß sie christushaft sind." Er hatte den Typus des Fackel-Lesers in die Welt gesetzt und, bedrängt von seiner Schöpfung, wurde er das Wesen, das sein Sein aus seinen Sätzen bezog, nicht mehr los, "dem noch im Nebensatz, in der Partikel, ja im Komma stumme Fetzen und Fasern von Nerven zucken, am abgelegensten und trockensten Faktum noch ein Stück des geschundenen Fleischs hängt." (Benjamin). Robert Musil mutmaßte in der "geistigen Diktatorenverehrung" der Jahrhundertwende "wohl ein Bedürfnis nach dem Wesen des Heilands".

Je unerreichbarer Kraus wurde, je mehr er sich zurückzog in das "alte Haus der Sprache", in dem er nur als "einer von den Epigonen" leben wollte, um so stärker wurde seine Macht: Denn wo er Recht sprach, wollten andere Recht haben. "Viele werden einst Recht haben", prophezeite er. "Es wird aber Recht von dem Unrecht sein, das ich heute habe."

Urne und Nachttopf

Im Jahr, in dem Die Fackel erstmals erschien, (1899), trat Karl Kraus aus der israelitischen Kultusgemeinde aus. Zwölf Jahre später ließ er sich taufen. 1923 kehrte er der katholischen Kirche, aus Protest gegen die Mysterienspiele, die Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt im Schatten des Salzburger Doms veranstalteten, wiederum den Rücken. Sein Taufpate hieß Adolf Loos, der Neuerer, dem die Architektur die Moderne verdankt.

Am 8. April 1911 führte Loos seinen Freund und Verbündeten zum Taufbecken. Sie hatten für diese Zeremonie die Wiener Karlskirche gewählt, den Triumphbogen der Gegenreformation, den Johann Bernhard Fischer von Erlach dem Prinzen Eugen, dem Retter des christlichen Abendlandes vor der Türkengefahr, errichtet hatte. Selten versinnbildlichen sich die Widersprüche im Leben von Karl Kraus deutlicher als in diesem symbolschweren Ritual. Das Gotteshaus ist ein Mahnmal des Programms, das Pate wie Täufling bekämpften. Als es zur Blütezeit des Habsburger Reiches gebaut worden war, kündete es von der gottgewollten. Macht des Herrscherhauses.

KUSCH!

Kraus war aus dem Judentum ausgetreten, und das war eine legere Fahnenflucht, denn er hat sein Judentum wohl nie so rigide empfunden wie all jene, die ihn des Antisemitismus ziehen. Dann eilte er in die Arme der Kirche, die eine Hausmacht des Staates war, dessen Verbrechen anzuklagen sein Lebenszweck war. Der neubarocken Weihefestspiele von Salzburg wegen verließ er die Kirche. Er hatte sie durch den hochbarocken Eingang betreten.

"Adolf Loos und ich, er wörtlich, ich sprachlich, haben nichts weiter getan als gezeigt, daß zwischen einer Urne und einem Nachttopf ein Unterschied ist und daß in diesem Unterschied erst die Kultur Spielraum hat. Die anderen aber, die Positiven, teilen sich in solche, die die Urne als Nachttopf und den Nachttopf als Urne gebrauchen." Das ist die Tagseite des Karl Kraus: die bissige Schonungslosigkeit, mit der er es der Verlogenheit unermüdlich heimzahlte, daß sie ihm den Blick auf die Menschenwürde verstellte. Denn so wie Loos die Fassaden bloßlegte, weil er der Verbrechen und der Verbrecher in der potemkinschen Großmannssucht der Wiener Ornamentkultur gewahr wurde, so hat Karl Kraus die Sprache bloßgestellt, die das Unrecht hinter Phrasen versteckte. Denn, so sahen das Loos und Kraus, im Ornament, der Stein gewordenen Lüge, nimmt die Phrase die Gestalt von Gebäuden an. An beiden sollt ihr sie erkennen: an den Palästen und den Pamphleten.

Doch es lauerte da noch die Nachtseite des Karl Kraus: Erlösungssehnsucht, Todesangst, unbändige Leidenschaft, schwärmerische Verehrung und Verzweiflung an der eigenen Unvollkommenheit. Es ist verbürgt, daß er sich in diesen Nächten stundenlang damit abquälte, ein Komma tadellos zu plazieren oder ein Wort an die Geliebte zu finden. In diesen "Stunden zwischen Schlafen und Wachen" (Benjamin) wurden die Widersprüche geboren, da wechselte er die Fronten, hüllte sich in Schweigen oder entfesselte jene Wortlawinen, denen nichts und niemand standhalten konnte.

Es stimmt, er eilte hinter vielen Fahnen her; von der Trauer um den ermordeten Thronfolger Franz Ferdinand bis zum Wahlaufruf für die Sozialdemokraten dauerte es nur wenige Weltkriegs-Jahre; und kurze Zeit später weinte er, als er erfuhr, daß die Nazis den austrofaschistischen Bundeskanzler Engelbert Dollfuß umgebracht hatten. Doch er kannte nur ein Fahnentuch, und das war rot gefärbt, Fackel-rot, vom Blut seiner Wunden, die es bedeckte. "Wäre Rot nur als Farbe der Scham noch in Geltung", hoffte er im letzten Jahr seines Lebens.

Er schwor viele Treueeide und brach sie wohl auch wieder. Dennoch blieb er sich selbst treu bis zum letzten Atemzug. Aus den Millionen Sätzen, die er geschrieben hat, läßt sich zu leicht ein Zitat für jeden Anlaß, zu jedem Widerspruch fischen. "Wüßte die Zucht, könnte sie miterleben, wie Widersprüche entstehen", schrieb er als alter Mann, den Tod vor Augen, "sie würde sich lieber umbringen, als frech zu sein."

Ach ja, zu Hitler ist ihm nix eingefallen. Es war November, er las Jacques Offenbach und plötzlich zum Couplet eine Zusatzstrophe: "Daß mir zu Hitler nichts fiel ein, /schuf manchem Trottel Kopfzerbrechen. schien von mir sich zu versprechen,/ich würde die Welt vom Wahn befrein." Oder, an die "Männer und Buben der Freiheit" gerichtet, die 315 Seiten unter dem Titel "Warum die Fackel nicht erscheint" überlesen hatten: "... wähnend, daß dem Satiriker zu einem Jaguar so schnell etwas einfällt wie zu einem Trottel."

So endet der allerletzte Fackel-Satz. Schrieb’s und legte die Feder zur Seite. War nicht schon alles gesagt worden, in Tagen und Nächten, anno 1913 beispielsweise: "O unerhörte Möglichkeit der Welt,/die nicht dem Chaos in die Arme fällt,/die so ermüdet weiter dazu singt/und so erschüttert, nicht in Splitter springt ... Das Leben starb. Die Mörder tanzen Tango."

KUSCH!

*

NACHSATZ: "Für alle Fälle bitte nicht schreiben, sondern sich sein Teil denken! Nicht mehr verehren, sondern für verrückt halten!" K. K.

Aufnahme: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz