Karl Kraus starb qualvoll. Die Angst vor dem Sterben, noch mehr die Angst vor dem Tod, hatte ihn seit langem erfaßt: aus einem Leben geritten werden, das er so sagbar unerträglich empfunden hatte; seiner Arbeit entrissen werden; seiner Aufgabe entsagen müssen, getreulich die Menschheitstragödie zu notieren. Gewiß, die Gegenwart war ihm zur "Widerwart" geworden; doch aus der Summe aller Erdentage mußte Bilanz gezogen werden, die Ewigkeit forderte ihr Recht. Er war ihr Sachwalter. "Aber zum Dichter, welcher ihn spürt, spricht entschädigend der Traum: Im Taggekribbel achte nur der Milbe, was macht es, daß sie’s selber nicht versteht; du bleibst am Leben, das im Tod vergeht, du lebst im Wort und stirbst an einer Silbe."

In der Nacht vom 27. auf den 28. August 1935 hatte er in seiner nahezu unleserlichen Handschrift sein Testament zu Papier gebracht. Der letzte Absatz beginnt so: "Nur weil mein Leben so wenig eine Familienangelegenheit sein sollte, wie es mein Leben – der Arbeit wegen – sein mußte ..." Wo "Tod" stehen müßte, schrieb er "Leben". Er, der wie kaum ein Zeitgenosse die Psychoanalyse geschmäht und verhöhnt hatte, der jene aufgeklärten Humanisten verachtete, die der Seele ihr Mysterium entreißen wollten, und die in der Unschuld der Kindheitsphantasien nichts als sexuelle Not sahen und auf ihrer schmutzigen Couch den Mann im Knaben ausfindig machten; er, der Bewahrer der Geheimnisse und der Hüter der Rätsel, hat sich zuletzt selbst verschrieben und einer Freudschen Fehlleistung schuldig gemacht. Das war der große Druckfehler seiner Seele.

So blieb er sich treu bis in den Tod. In eigener Sache hat Karl Kraus einmal in der Fackel in einem Glossen-Titel inseriert: "Größere Gegner gesucht. Wissend, daß ihm auf Erden keiner erwachsen konnte, es sei denn der, dessen Name ihm die Sprache verschlug. "Die Sprache tastet wie die Liebe im Dunkel der Welt einem Urbild nach."

War der Gegner, den er suchte, der Tod? Unter den Stellvertretern des Todes auf Erden konnte Karl Kraus keinen finden, der ihm gewachsen war. Wenn er schwieg, vorübergehend, so war sein Schweigen beredte Anklage, schlimmer noch als sein Richterspruch. Dann war er Scharfrichter: "Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte." Er resignierte nicht, sondern er versagte, eingedenk der Allmacht seiner Worte, dem Nationalsozialismus sein Urteil; es mußte nur vollstreckt werden – wortlos.

Schon einmal, in dem niederschmetternden Plädoyer gegen die Vaterlandsgesellen, die den Ersten Weltkrieg herbeigeredet hatten ("In dieser großen Zeit"), ward das Schweigen zur letzten Konsequenz des Sprechens: "In den Reichen der Phantasiearmut, wo der Mensch an seelischer Hungersnot stirbt, ohne den seelischen Hunger zu spüren, wo Federn in Blut tauchen und Schwerter in Tinte, muß das, was nicht gedacht wird, getan werden, aber ist das, was nur gedacht wird, unaussprechlich. Erwarten Sie von mir kein eigenes Wort ... Die jetzt nichts zu sagen haben, weil die Tat das Wort hat, sprechen weiter. Wer etwas zu sagen hat, trete vor und schweige!"

Nichts bleibt von mir

So klang seine Zeugschaft wider das Unrecht. Dieses war das "Große Schweigen", die letzte Regieanweisung der "Letzten Tage der Menschheit", das "Meteorregen", "Flammenlohe" und "Weltendonner" folgt und der "Stimme Gottes" vorausgeht, die da sagt: "Ich habe es nicht gewollt."