Der Tod hingegen ließ den schweigend Beredten unwiderruflich verstummen. Er entzog ihm das Wort. Sechs Jahre bevor er starb hatte sich Karl Kraus sein eigenes Epitaph in Verse gesetzt: "Wie leer ist es hier/an meiner Stelle./Vertan alles Streben./Nichts bleibt von mir/ als die Quelle,/die sie nicht angegeben."

Helene Kann hielt Wacht an seinem Totenbett. Sie erzählte, wie Kraus, nur noch bei halbem Bewußtsein, murmelnd über den behandelnden Arzt Klage führte. "Ach Karl, dem tust du auch unrecht", sagte sie. Da richtete er sich plötzlich auf, und mit kraftvoller Stimme fragte er: "Wem habe ich denn jemals unrecht getan?"

"Karl Kraus ist abgestiegen zur Hölle, zu richten die Lebendigen und die Toten", so meinte Oskar Kokoschka. Umgeben von Larven und Lemuren, Hyänen und geistigen Schiebern, Maulenden, Wohlmeinenden, entzückten Liebhabern und Klugscheißern thronte er, ein dürrer Herr der Worte, und hielt im Kreidekreis der Sprache an jedem Tag des Jahres Zeitgericht, das doch nur den Spruch des Weltgerichts vorwegnahm. Vor den Schranken johlte die Masse. Die Spottdrosseln pfiffen es in Wien von den Dächern, wenn der unbestechliche Richter, "der Schätzmeister, vor dem nichts besteht, als der Wert dessen, was zwischen den Worten ist", prüfte, wog und befand.

"Er hatte eine Hetzmasse aus Intellektuellen gebildet", erinnerte sich Elias Canetti. Es war so, wie Kraus es selbst in einem Epigramm reimte: "Ich muß sie alle vereinen,/ die ich einzeln nicht gelten lasse./Aus tausend, die jeder was meinen,/mach’ ich eine fühlende Masse./Ob der oder jener mich lobe,/ ist für die Wirkung egal./ Schimpft alle in der Garderobe,/ihr wart mir doch wehrlos im Saal!"

In 700 Vorlesungen, auf den 23 000 Seiten der 415 Fackel-Hefte, in Gedichtbänden, Essays, Dramen und Polemiken tagte der Gerichtshof. Jeder, der sich in den Zeugenstand wagte, landete unweigerlich auf der Anklagebank. Alles, was er hörte, war ihm Beweis gegen den, von dem er es gehört hatte. Er saß auf seinem Richterstuhl, der fest gefügt war wie die ehernen Regeln der Syntax und sprach Recht wider das Inventar der Zeit. Seinen Jüngern galt sein Urteilsspruch als absolutes Gesetz.

"Es war hart und natürlich wie Granit, den keiner zu bekratzen oder zu bekritzeln vermocht hätte", schrieb Canetti, selbst einst unter den Gefolgsleuten (den zweiten Band seiner Autobiographie nannte er "Die Fackel im Ohr"): "Dieses Gesetz glühte: es strahlte aus, es sengte, es vernichtete."

Karl Kraus maßte sich endgültige Urteile an, da er sich absolut verantwortlich fühlte für Moral und Wahrheit und Menschenwürde. Sein Kodex der Sittlichkeit war so abgefaßt, daß er in Form der Sprachlehre veröffentlicht werden konnte. Daran arbeitete er bis zu seinem Tode.