Auch Walter Benjamin, der Kraus in der Dreieinigkeit von "Allmensch-Dämon-Unmensch" beschrieb, sah in dem "Silbenstecher" vor allem eine juridische Instanz: "Seine ganze feuerfressende, degenschluckende Philologie der Journale geht ja ebensosehr wie der Sprache dem Recht nach. Man begreift seine Sprachlehre nicht, erkennt man sie nicht als Beitrag zur Sprachprozeßordnung, begreift das Wort des anderen in seinem Mund nur als corpus delicti..."

Als Gymnasiast sah sich Kraus vor die Wahl gestellt, Schauspieler oder Schriftsteller zu werden. Er versuchte sich auf einer Vorstadtbühne als Franz Moor, im Zuschauerraum saßen seine Freunde aus dem Literatur-Cafe "Griensteidl". Das Debüt endete in einem Debakel. Kraus erkannte, daß er kein Schauspieler war, der anderer Menschen Rollen darstellen konnte, sondern Schausteller, der die Rollen, die andere Menschen spielen, bloßstellt. Er fühlte sich dazu ausersehen, die Larven zu demaskieren, die "Larven der Käuflichkeit und der Geschwätzigkeit, der Niedertracht und Bonhomie, der Kinderei und der Habsucht, der Verfressenheit und der Hinterlist ... Die Zitate der Fackel sind mehr als Belegstellen: Requisiten von mimischen Entlarvungen durch den Zitierenden" (Benjamin).

Das Publikum huldigte ihm, dem großen Tragöden der untergehenden Menschheit. Seine Monologe waren Offenbarungen. Er war der Abgott einer Claque, die allerdings nur selten das große, monomane Konzept des Intendanten dieses "Marstheaters", dem nicht nur die "Leuten Tage der Menschheit", sondern sein gesamtes, nicht mehr faßbares Werk zugedacht waren, erkennen konnte. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Mann: "Die Blutprobe des Wortes spottet der Diagnose von Pfuschern und Lügnern."

Die Blutprobe des Wortes

Dennoch war Karl Kraus ein Religionsgründer. Prophet und Hoherpriester seiner selbst, Erfüller einer Pflicht, die er sich selbst auferlegt hatte. Er hat sich berufen, als ihn der Ruf der Phrasen ereilte. "Es ist ja ein Kreuz mit der Sprache", seufzt der Optimist. "Das man auf der Brust trägt", entgegnet der Nörgler: "Ich trag’s auf dem Rücken."

Er suchte die klösterliche Askese seines Arbeitszimmers, die Nacht, die Einsamkeit, den Freiraum, in dem seine Träume Platz fanden. "Ich arbeite Tage und Nächte. So bleibt mir viel freie Zeit. Um ein Bild im Zimmer zu fragen, wie ihm die Arbeit gefällt, um die Uhr zu fragen, ob sie müde ist, und die Nacht, wie sie geschlafen hat."

Er suchte auch Distanz zu den Menschen. Er wollte die Verehrer – "Ich werde mir schon abtrünnig, wenn ich nur das Wort höre" – nicht an sich heranlassen. Er war menschenscheu, vereint mit der Ahnung drohender Enttäuschung und dem Wissen, daß er eines Tages keine andere Wahl haben werde, als in dem Freund den Gegner zu sehen. Seine Loyalität war unerbittlich.