Von Gunhild Lütge

Kein halbes Jahr dauerte es, bis nordrheinwestfalens Ministerpräsident Johannes Rau Konsequenzen aus einer Erkundungsreise zog. Was er bei einem Besuch der Dortmunder Softwarefirma mbp gesehen hatte, floß sogar in seine Regierungserklärung ein. Die Hoesch-Tochter hatte ihm demonstriert, wie moderne Bürokommunikation aussehen kann.

Stets darum bemüht, sein Bundesland von verrosteten Industriestrukturen zu befreien, zeigte der Düsseldorfer Landeschef seinen high-tech-gewöhnten süddeutschen Kollegen, was eine Harke ist. Vor knapp einem Jahr kündigte er ein Pilotprojekt mit den neuesten Systemen der Bürokommunikation an. Fast drei Millionen Mark reservierte er dafür in seinem Haushaltsbudget. Die Universität, Stadtverwaltung und mbp wurden in Dortmund als Anwender auserwählt, die Firmen Nixdorf, Siemens und Philips als Lieferanten.

Kaum war seine Rede gedruckt, liefen Personalräte und Gewerkschaften Sturm. Sie wollen nämlich nicht nur neue Formen der Technik, sondern auch der Mitbestimmung ausprobieren und nehmen jetzt ihren Ministerpräsidenten beim Wort, der ebenso verkündet hatte: "Wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens darüber, welche neuen Technologien wir wollen und welche nicht. Wer neue Technologien will, der muß mehr Mitbestimmung wollen, oder er wird scheitern." Nun wird er beweisen müssen, wie kluge Worte auch in Taten umzusetzen sind.

Zunächst jedoch schrieb er einen bösen Brief an Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling. Stets sei es der süddeutsche Raum, der bei den Modernisierungsplänen der Fernmeldebehörde bevorzugt würde, beklagte sich der Sozialdemokrat beim CDU-Minister. In der Tat wählte Schwarz-Schilling die Städte Stuttgart und Mannheim aus, um seine ersten maßgeblichen technischen Versuche zu starten. Denn auch der Minister hat große Pläne. Er will das traditionelle Fernmeldenetz komplett modernisieren.

Was heute noch auf getrennten Wegen transportiert werden muß, nämlich Sprache, Texte, Daten und Bilder, soll künftig schneller, besser und billiger über eine einzige Leitung gehen: ISDN nennen die Fachleute das künftig integrierte Fernmeldenetz, das auch den Büroalltag verändern wird. Die Fernmeldeindustrie hofft auf einen Milliardenmarkt. Ebenso wie auch viele Computerbauer denkt sie über neue Geräte nach, die gleichermaßen telephonieren, Briefe verschicken und Daten übertragen können. Die verschiedenen Apparate werden nur noch an einer einzigen Steckdose hängen und gleichzeitig zu bedienen sein – Kommunikation total. Bis zu 500 Milliarden Mark wird die Bundespost bis ins nächste Jahrhundert in die neue Infrastruktur stecken.

Während Rau beim Postminister um einen frühzeitigen Anschluß kämpft, geht es ihm wie Graham Bell, der seinerzeit ebenfalls größte Schwierigkeiten hatte, die Menschen für das Telephon zu interessieren. Mangel an Phantasie ist den Betroffenen heutzutage allerdings kaum vorzuwerfen. Aus der Werbung der Hersteller wissen sie, daß Telephone schon heute zu sehr viel mehr zu gebrauchen sind, als zum schlichten Telephonieren. "Man kann Telephonanlagen dazu benutzen, alle möglichen Daten im Betrieb zu sammeln, zu transportieren und auszugeben", schreibt die IG Chemie Papier Keramik in einer Broschüre.