Es blieb den Sowjets vorbehalten, Kurt Waldheim als erste zu seinem Sieg im österreichischen Präsidentschaftswahlkampf zu gratulieren – einem Mann, der in seiner Dissertation die Russen als Erbfeind der Deutschen porträtiert hat. Purer Machiavellismus?!Auf jeden Fall eine seltsame Konstellation: daß der Kreml und der deutsche Bundeskanzler, beide aus taktischer Erwägung, den Patrioten Waldheim feiern. Eine Torheit ist der anderen wert.

Es gibt ein Gesetz in der Bundesrepublik, das die Beleidigung fremder Staatsoberhäupter unter Strafe stellt – ob sie nun Marcos heißen (dem die Sowjets auch noch, kurz vor dem Umsturz, zu seiner Wahl gratulierten) oder Waldheim. Man unterläßt es daher besser, den künftigen österreichischen Staatspräsidenten einen Lügner zu nennen. Daß er ein Kriegsverbrecher sei, haben ihm ja selbst seine ärgsten Gegner nicht nachweisen können. Aber daß er die Wahrheit seiner Biographie in einem Striptease von quälender Zögerlichkeit immer nur stückchenweise bekannt hat, soweit die Fakten jeweils nicht mehr zu leugnen waren – das ist unbestreitbar. Lüge? Konrad Adenauer, der alte Fuchs, pflegte in solchen Fällen von "Erweiterung der Wahrheit" zu sprechen.

Die Österreicher haben sich einen Mann zum Staatsoberhaupt erwählt, der seine Ehrenhaftigkeit selber in Zweifel gerückt hat. Die Nachkömmlinge derer, die im März 1938 an den Straßenrändern standen und Hitler zujubelten, haben sich damit auf ihre Lebenslüge zurückgezogen: daß sie Hitlers erstes Opfer gewesen seien. Aber falls unsere österreichischen Vettern glauben sollten, sie könnten damit die Vergangenheit begraben und vergessen, so werden sie sich täuschen. Die Welt wird sich erinnern – nun erst recht. Th. S.