Der Geruch der Freiheit ist kaum zu ertragen: es stinkt bestialisch in dem Kanal, der vom Zuchthaus nach draußen führt, und wer da durch will, muß bis durch die Brust in Fäkalien waten. Zwei Strafgefangene sind entflohen. Sie haben Kot geschluckt, sind bei 30 Minusgraden durch einen Fluß geschwommen, haben sich dann, völlig durchnäßt, noch meilenweit durch Alaskas Schneewüste geschleppt. Die Flucht, wie Andrei Konchalovsky sie gefilmt hat, ist direktes, physisches Kino: man glaubt als Zuschauer den Dreck zu riechen und der Anblick der Bilder macht einen frösteln. Die Szene beweist aber auch, daß Konchalovskys Film mehr sein will als pures Action-Kino. "Runaway Train – Express in die Hölle" ist auch eine existenzialistische Parabel: keiner bekommt seine Freiheit geschenkt; sie muß in hartem Kampf erobert werden.

Verglichen mit diesem Kampf ist das Leben im Zuchthaus, wo die Geschichte beginnt, geradezu erholsam. Zwar gibt’s da täglich Schlägereien, manchmal blitzen die Messer, aber sensible Kriminelle können sich hier dennoch ein wenig geborgen fühlen, finden wahre Zuneigung, reine Sympathien: "Ich liebe dich", gesteht anfangs schüchtern und keusch ein Schwerverbrecher einem Schwerstverbrecher.

"Runaway Train" basiert auf einem Exposé von Akira Kurosawa. Aber die Szenen im Gefängnis könnte auch Jean Genet sich ausgedacht haben: nur die Räuber, die Kinderschänder und die Mörder sind fähig, einander unverblümt und unverfälscht ihre Gefühle mitzuteilen. Das kommt daher, daß ihnen zum Lügen die Wörter fehlen. Man muß den Film im Original sehen und hören, wegen der Wortfetzen, der Stammelsätze, der rohen, rudimentären Sprache seiner Helden. In der Synchronversion reden sie richtiges Deutsch, was schlicht eine Fälschung ist.

Der Mörder Manny ist der Abgott der Sträflinge. Die Jungen verehren ihn inbrünstig, die Alten erzählen die Legende seiner kriminellen Karriere. Nur der Gefängnischef haßt und verabscheut Manny: "Der Mann ist ein Tier". Drei Jahre lang hat er Manny wie eine Bestie behandelt, ihn in einer dunklen Zelle, einer Art Raubtierkäfig, schmachten lassen. Drei Jahre lang hat Manny kein Licht gesehen, keinen Menschen gesprochen, seinen Kerker niemals verlassen. Seine Wut wuchs in dieser Zeit. Als aber die Strafe gelindert, Manny wieder wie ein Mensch behandelt wird, ist der Verbrecher völlig benommen von der Gewalt der neuen Sinneseindrücke.

Dem Zuschauer im Kino geht es nicht anders. Die Enge einer Zelle und die Weite der polaren Landschaft, rasende Lokomotiven und am Boden kriechende Verletzte, all das haben wir schon oft gesehen. Konchalovskys Bilder aber, die stets aus den spektakulärsten Blickwinkeln photographiert sind, und der unerbittlich beschleunigende Rhythmus verleihen dem Film eine solche Wucht, daß man oft meint, zum ersten Mal auf eine Leinwand zu gucken.

Die Flucht aus dem Zuchthaus gelingt. Aber der Mörder Manny und der Zuhälter Buck, sein treuester Fan, geraten bald in ein weiteres, schlimmeres Gefängnis: mit letzter Kraft haben die Ausbrecher einen Bahnhof erreicht. Dort stehen, startklar, vier aneinandergekoppelte Dieselloks. In der hintersten verstecken sich die Männer, hoffen hier vor den Häschern sicher zu sein. Aber der Lokführer erliegt beim Rangieren einer Herzattacke. Außer Kontrolle stampft der Zug, immer schneller, durch die nördliche Winterwüste.

Aus einem Dienstabteil kriecht schließlich eine Hilfsarbeiterin, damit ist die Besetzung fürs existenzialistische Drama komplett. Drei Menschen auf engstem Raum, der Zug zu schnell, als daß einer abspringen könnte: "Huit Clos" amerikanisch, mit Deklassierten in den Hauptrollen.