Die 13. Römerberg-Gespräche in Frankfurt:

"Politische Kultur – heute?"

Ein Treffen der Geister, ein deutsches Allerlei, vom Hundertsten ins Tausendste, alles und nichts. Wie viele verschiedene Gedanken und Meinungen kann ein Mensch an einem Tag von zehn Uhr morgens bis zehn Uhr abends verdauen? Na, hören Sie, die Versailler Verträge. Also wissen Sie, Hitler und Stalin. Jedenfalls möchte ich betonen, daß die französischen Intellektuellen. Das mit Jalta war doch ganz anders. Ein Deutsches Museum für Geschichte. Na ja, die Bundesregierung. Gerade nach Tschernobyl. Es war ein Schauspiel. Professoren und Schriftsteller und Schriftstellerinnen kamen in Frankfurt zu den 13. Römerberg-Gesprächen zusammen, um über das schwammige Thema "Politische Kultur – heute?" zu palavern.

In der abgehobenen Eröffungsrede des Kulturdezernenten blühte der Jargon: Die "funktionskongruente Inkongruenz zwischen politischer Interessenkonzeption und ideologischer Integrationskonzeption". Mit arrogantem Vokabular waren viele Vorträge gespickt. Der Bürger, der ein bißchen Aufklärung suchte, wurde tüchtig vergrault, denn die Reden richteten sich in den seltensten Fällen direkt an ihn, und meist wurden Texte verlesen, die sich erst bei der Lektüre wirklich erschließen lassen. Die neue Modevokabel hieß "Diskurs". Die da oben auf dem Podium machten ihre Diskurse, der Zuhörer unten kämpfte ums nackte Verstehen.

Jeder, der vor einem Mikrophon saß, legte sein Ei. Das Thema "Politische Kultur" war eingeengt auf das Thema Geschichte. Ein Geschichtsboom sei zu beobachten, wurde mehrfach gesagt. Aber wahrscheinlich müsse man ihm mißtrauen, denn er habe vor allem mit Nostalgie und Versatzstücken zu tun. Die Historiker redeten hin und her über die "ambivalente Bedeutung der Forderung nach mehr Geschichtsbewußtsein in der Bundesrepublik". Undurchsichtiges akademisches Geplänkel. Das interessierte einen Hitzkopf überhaupt nicht, er wollte den ganzen Tag lang nur eines loswerden: daß das Kapital Hitler an die Macht gebracht habe. Ein zweiter Hitzkopf mußte mit Heftigkeit seiner Uberzeugung Ausdruck verleihen, daß der Widerstand des 20. Juli eine überbewertete und reaktionäre Angelegenheit gewesen sei. Deutscher Geist, oh je. Derselbe Redner, man stelle sich vor, ein Horkheimer-Fan, verstieg sich zu einem phantastischen Bekenntnis: ’68 hätte man die Bild-Zeitung falsch begriffen, sie sei in Wahrheit eine "hervorragend gemachte" Zeitung – nur sie spiegele die Bundesrepublik wieder, wie sie tatsächlich sei. Kein Scherz, sondern wohl die postmoderne Wende einer zynisch gewordenen Generation, vom Aktionismus auf den Masochismus umgestiegen.

Mehrere aus der Generation der Vierzigjährigen waren da, Schriftsteller mit Namen, die jetzt dran wären, die bisher herrschende Generation abzulösen, den Mund aufzumachen. Blaß und still hockten sie da und überließen den Professoren das Feld. Keine Neugier, keine Fragen, kein Mut zu Antworten. Was lähmt sie?

Bestimmt kein Zufall: die Kluft zwischen Männern und Frauen, ihr völlig verschiedenes Reagieren. Die intellektuellen Frauen zeigten ungeschminkt Emotion. Wenn man von politischer Kultur rede, dann könne man jetzt nur noch von politischer Kultur nach Tschernobyl reden. Von ihrer "irrationalen Todesangst" sprach dann eine: "Wie kann man da psychisch weiterleben? Vernunft reicht mir da nicht."

Ein Historiker stellte – in einem anderen Zusammenhang, aber so, als würde er der Zweiflerin antworten – seine Wissenschaft und das theoretische Gerede über das Geschichtsbewußtsein gelassen in Frage: "Es ist ohne weiteres möglich, daß die Geschichte für die gegenwärtig verfolgten Ziele keine Bedeutung mehr hat." Wer wenig wußte und es bekannte, besaß noch am meisten Überzeugungskraft. Siegfried Schober