Im März 1964 fuhren drei ZEIT-Redakteure zehn Tage durch die DDR: Marion Gräfin Dönhoff, Rudolf Walter Leonhardt und Theo Sommer. Jetzt, im Mai/Juni 1986, haben sich sechs Mitglieder der ZEIT-Redaktion auf eine ähnliche Expedition begeben. Die drei vom erstenmal waren wiederum dabei, Marion Dönhoff krankheitshalber allerdings nur für eine kurze Strecke; dazu Peter Christ, Nina Grunenberg, Gerhard Spörl und die DDR-Korrespondentin des Blattes, Marlies Menge; außerdem der Photograph Rudi Meisel. Die Genehmigung hatte der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker im Januar am Rande des ZEIT-Interviews erteilt.

Vor 22 Jahren besaß das Unternehmen Seltenheitswert. Die Berliner Mauer war noch keine drei Jahre alt; die von Chruschtschow angezettelte Berlinkrise lag knapp zwei Jahre zurück. Die DDR war ein unbekanntes, unzugängliches Land. Nicht von ungefähr überschrieben die drei ZEIT- Leute ihre Artikelserie: „Reise in ein fernes Land“. Als Buch hielt sich der Titel lange auf der Bestsellerliste. Es gab nichts anderes über den Staat, in dem die „Brüder und Schwestern“ lebten, wie die Einwohner der DDR damals bei uns hießen – eines Staates, dessen richtige Bezeichnung viele Westdeutsche noch zwischen Gänsefüßchen setzten, wenn sie nicht überhaupt lieber von der „Zone“ sprachen.

In den mehr als zwei Jahrzehnten, die seit der ersten ZEIT-Expedition vergangen sind, ist die DDR zugänglicher geworden – dank der Entspannungspolitik der siebziger Jahre. Die deutschen Dinge haben sich nicht vom Fleck bewegt, wenn man Bewegung einzig und allein am nostalgischen Fernziel der nationalen Einheit mißt, aber sie haben sich unendlich gebessert, mißt man den Fortschritt daran, ob die Menschen im geteilten Deutschland wieder leichter zueinanderkommen können. Wohl unterliegt das Reisen von Ost nach West noch immer schmerzlichen Beschränkungen, doch ist nicht zu leugnen, daß sich die Kontakte vervielfacht haben. Die DDR ist uns ein Stück näher gerückt.

Aber wie nahe wirklich? Und wie sieht es dort heute aus? Was hat sich in 22 Jahren verändert? Wie denken und fühlen die Menschen, unter denen sich ja, wie die Jahre dies nun einmal mit sich bringen, immer weniger Brüder und Schwestern befinden, dafür immer mehr Cousins und Cousinen, Neffen und Nichten auch? Was hat es mit dem „anderen deutschen Wirtschaftswunder“ auf sich? Wie deutsch, wie kommunistisch, wie russisch ist die DDR? Hat dort die Ideologie triumphiert, die praktische Vernunft oder der platte Pragmatismus? Ist die deutsche Sprache diesseits und jenseits der Trennlinie noch dieselbe?

Diese Fragen trug das ZEIT- Team im Sinn, als es sich in der letzten Maiwoche auf den Weg machte. Es reiste auf eigene Kosten; die Organisation der Reise lag in den Händen des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten. In zehn Tagen fuhr das Team einmal quer durch „die Republik“: nach Berlin, Hauptstadt der DDR, Rügen und Rostock, Erfurt und Eisenach, Wismar und Weimar, Eisenhüttenstadt und Lübbenau, Dresden und Jena. Teils führte die Reise über Autobahnen, teils über baumumsäumte Chausseen: durch Uckermark und Spreewald, zur Sächsischen Schweiz und zum Thüringischen Rennstieg, von der Mecklenburger Seenplatte zur Mark Brandenburg, von Preußen nach Sachsen.

Die Redakteure der ZEIT besuchten eine Reihe von Fabriken: Werft, Stahlkombinat, Druckmaschinenwerk, Carl Zeiss Jena. Sie diskutierten mit einer Abiturklasse in Bad Doberan, mit Professoren an der Dresdner Kunstakademie, mit Soldaten des Artillerieregiments Lehnitz bei Oranienburg (zum erstenmal nahm ein westdeutscher Journalist an einem Gefechtsschießen der Nationalen Volksarmee teil). Sie debattierten ausführlich mit vier Mitgliedern des Politbüros (Axen, Felfe, Hager, Mittag), zwei Gebietssekretären (Timm – Rostock, Modrow – Dresden), und einer Handvoll von Oberbürgermeistern (Dresden, Gera, Eisenhüttenstadt, Weimar). Sie redeten mit einem guten Dutzend Schriftstellern, ebenso vielen Schauspielern, einer Frauenforscherin, zwei Bischöfen, einer Reihe von ZK-Mitgliedern, dem Minister für Umweltschutz Reichelt, dem Staatssekretär für Kirchenfragen beim ZK der SED Gysi und dem Wissenschaftler Manfred von Ardenne. Die Stadtarchitekten von Berlin und Gera erklärten ihnen ihre Projekte; in Stralsund, Rostock, Dresden und der DDR-Hauptstadt besichtigten die Reisenden Wiederaufbau- und Sanierungsviertel.

Die ZEI7-Redakteure machen sich nichts vor: Was sie gesehen haben, war ein Ausschnitt, bestenfalls ein Querschnitt. Aber sie hatten auch nicht den Eindruck, daß ihnen etwas vorgemacht wurde. Was sie zu sehen bekamen, war DDR-Wirklichkeit – nicht die ganze Wirklichkeit, doch jedenfalls keine Potemkinsche Fassade (auch die Valuta-DDR, in der sie sich weithin bewegten, ist ja, so demütigend und empörend sie wirkt, durchaus ostdeutsche Realität). Nicht alle nahmen an allen Programmpunkten teil; und jeder brach zuweilen ins Private aus, um sich mit Verwandten oder Freunden zu treffen, auch mit Zufallsbekanntschaften. Darunter waren Regimekritiker; Leute, die in die Bundesrepublik ausreisen wollen; viele auch, die das Regime tragen (und das SED-Abzeichen am Revers), obwohl sie gern an ihm herummäkeln. Dennoch läßt sich nicht daran deuteln: Was die ZEIT-Reisenden zu sehen bekamen, war im wesentlichen – nun: DDR von oben.

Sie erlebten eine DDR, deren Führung Gelassenheit gelernt und Selbstbewußtsein entwickelt hat: „Wir haben uns alle Dummheiten restlos abgestoßen.“ Ihre Minderwertigkeitskomplexe sind aus vielerlei Gründen verflogen. Jetzt heißt es: „Gewiß, es ist kein Himmelreich, aber vieles ist geschafft.“ Krude Agitation – 1964 an der Tagesordnung – gab es so gut wie gar nicht mehr: „Sie haben keine Ahnung, was ein Kommunist, der das 50 Jahre ist, im Laufe der Zeit alles glauben muß; da soll sich die Kirche mal nicht so dicke tun.“ Das kommunistische Paradies? „Wir haben es nie versprochen. Wir haben doch keinen Schimmer, wie der Kommunismus aussehen wird.“ Alles ist im Fluß. Und nicht mehr die marxistischen Sozialingenieure haben das Sagen, sondern die diplomierten Ingenieure: Die DDR ist eine einzige Großbaustelle, die Verwendung der „großen Platte“ im Wohnungsbau wichtiger als der Klassenkampf. Diktatur des Proletariats? „Wir leben in einer Knautschzone. Manchmal holt sich die Partei Beulen, manchmal der einzelne. Hauptsache, daß keine Personen zu Schaden kommen.“

Reise in ein fernes Land? So fern ist uns die DDR nicht mehr wie vor zwei Jahrzehnten. Auf seltsame Weise wirkt sie heute jedoch zugleich vertrauter und fremder. In einem Wort: anders. Anders als die Bundesrepublik. Anders, als wir sie gemeinhin sehen. Anders: und doch Deutschland.

„Reise ins andere Deutschland“ soll der DDR-Report heißen, den die ZEIT in den nächsten Wochen veröffentlichen wird. Der Abdruck der Serie beginnt in der nächsten Ausgabe. DZ.