Sie erlebten eine DDR, deren Führung Gelassenheit gelernt und Selbstbewußtsein entwickelt hat: "Wir haben uns alle Dummheiten restlos abgestoßen." Ihre Minderwertigkeitskomplexe sind aus vielerlei Gründen verflogen. Jetzt heißt es: "Gewiß, es ist kein Himmelreich, aber vieles ist geschafft." Krude Agitation – 1964 an der Tagesordnung – gab es so gut wie gar nicht mehr: "Sie haben keine Ahnung, was ein Kommunist, der das 50 Jahre ist, im Laufe der Zeit alles glauben muß; da soll sich die Kirche mal nicht so dicke tun." Das kommunistische Paradies? "Wir haben es nie versprochen. Wir haben doch keinen Schimmer, wie der Kommunismus aussehen wird." Alles ist im Fluß. Und nicht mehr die marxistischen Sozialingenieure haben das Sagen, sondern die diplomierten Ingenieure: Die DDR ist eine einzige Großbaustelle, die Verwendung der "großen Platte" im Wohnungsbau wichtiger als der Klassenkampf. Diktatur des Proletariats? "Wir leben in einer Knautschzone. Manchmal holt sich die Partei Beulen, manchmal der einzelne. Hauptsache, daß keine Personen zu Schaden kommen."

Reise in ein fernes Land? So fern ist uns die DDR nicht mehr wie vor zwei Jahrzehnten. Auf seltsame Weise wirkt sie heute jedoch zugleich vertrauter und fremder. In einem Wort: anders. Anders als die Bundesrepublik. Anders, als wir sie gemeinhin sehen. Anders: und doch Deutschland.

"Reise ins andere Deutschland" soll der DDR-Report heißen, den die ZEIT in den nächsten Wochen veröffentlichen wird. Der Abdruck der Serie beginnt in der nächsten Ausgabe. DZ.