Georg Trakl: "Begegnung" – Musik und Rezitation: Tobias Reiser

Cesar Bresgen, der Salzburger Altmeister einer in den dreißiger Jahren aufgeblühten, eigenartigen "Jugendmusik" und viele Jahre Mozarteumslehrer, spricht im Begleittext von einer "bedeutsamen, vielleicht ungewöhnlichen Brücke, die Reiser mit seinem Liedzyklus baut". Es ist keine moderne, sondern eine altmeisterliche, romantische Brücke, und in ihrer auffallend einfachen Konstruktion steckt auch kein intellektuelles Raffinement, sondern blanke Hingebung und viel Gefühl, so viel, daß die dissonanten, schmerzlichen Gedanken nirgendwo in spröden Klängen reflektiert werden. Tobias Reiser wiegt die bewegenden Botschaften Trakls (1887-1914) in Musik, obwohl man manchmal möchte, daß er sie schüttele. Die Gedichte – einige darunter, die sich anhören, als seien sie in unseren unheilschwangeren Tagen für unsere Tage entstanden – werden teils zu Musik rezitiert, teils solistisch und im Chor gesungen. Der Komponist Reiser interpretiert sie nicht, sondern umgibt sie nur mit volksliedhaften Strophenliedern, feinsinnig instrumentiert mit Gitarre und Oboe, Harfe und Flöte und mit Streichern. Schön anzuhören – aber um gepackt zu werden, muß man auf die Worte hören. (Teldec 6.26214 AS) Manfred Sack

Franz Liszt: "Klavierwerke"

Ein bißchen lustig mutete schon im Vorjahr an, daß die Musikforscher ausgerechnet im Jubiläumsjahr von Bach und Händel da wie dort Verschollenes aufstöberten. Was jenen damals recht erschien, ist den Ausrichtern eines würdigen Liszt-Memorials billig. Nicht nur das Stammhaus in Budapest (Verlag Editio Musica) rühmt sich im Zusammenhang mit seiner neuen Liszt-Gesamtausgabe (ca. 77 Bände) aufsehenerregender neuer Funde. Auch aus der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätte in Weimar, dem Goethe-Schiller-Archiv, publiziert die DDR zum Liszt-Jubiläum (er starb vor einhundert Jahren in Bayreuth) aus dessen Nachlaß Kompositionen, die nun in einer Co-Produktion von Delta Music (Köln) und VEB Deutsche Schallplatten (Berlin/DDR) erstmalig auch zu hören sind. Um der Sache interpretatorisch authentisches Gewicht zu geben, engagierte das Unternehmen den 1954 in Weimar geborenen und an der Musikhochschule in Leipzig tätigen Pianisten Andreas Pistorius, Preisträger des Liszt-Bartók-Wettbewerbs in Budapest. Mit Verve und vielfältigen klanglichen Abstufungen stürzt er sich auf Liszts geballte Virtuosenkunst in Werken, die vermutlich knapp anderthalb Jahrhunderte lang an kein menschliches Ohr gedrungen sind: eine Fantasie über "Der Freischütz" G.451; "Konzertparaphrase über "Ernani" G.431a; "Spanisches Ständchen G.487; "Fantasie über italienische Opernmelodien G.458"; "Romance e-moll G.169"; "Schwanengesang und Marsch aus "Hunyadi László G.409". (Capriccio C 27 093)

Peter Fuhrmann