Die alte "Astor" wurde zur "Arkona", die neue "Astor" wird ihre Konkurrentin

Von Isolde von Mersi

Eine spektakuläre Tour konnte man die Kreuzfahrt wahrlich nicht nennen: Jüngst machte in Cuxhaven das DDR-Schiff MS "Arkona" erstmals Leinen los mit westlichen Passagieren an Bord. Rund 360 Touropa-Gäste dampften nach London und Amsterdam. Nun ist die MS "Arkona" aber kein x-beliebiger Musikdampfer, sondern ein Schiff mit gleichermaßen märchenhafter wie skandalumwitterter Vergangenheit: MS "Astor" hieß es bis zum September vergangenen Jahres, es war bis 1984 Hamburgs Pracht- und Renommierschiff gewesen – und darum hat der Aufbruch in westliche Gewässer unter neuer Flagge auch reichlich Aufsehen erregt.

Das subtile Geflecht deutsch-deutscher Berührungsängste und Konkurrenzgefühle setzte eine Menge Mißtrauen frei, das zugegebenermaßen eher von hüben nach drüben als umgekehrt floß. Daß eine DDR-Besatzung westlichen Ansprüchen gewachsen sein könnte, schien so manchem selbsternannten Schiffsexperten ein Ding der Unmöglichkeit. Die Buchungszahlen indessen sprechen dafür, daß Neugier stärker als Skepsis ist. Zu 85 Prozent waren Mitte Mai die insgesamt sieben Touren gebucht, die Touropa auf der "Arkona" in diesem Sommer offeriert.

Touropas Muttergesellschaft TUI, mit der jährlich insgesamt 150 000 Passagiere übers Meer fahren, und ihr ostdeutscher Partner, die VEB Deutfracht/Seereederei Rostock (DSR-Lines), scheuten offensichtlich keine Mühe, die sicherlich besonders hohen Erwartungen von Kundschaft wie professionellen Kundschaftern zu erfüllen. Für vier Millionen Mark wurde die "Arkona" vor ihrer ersten Reise überholt; bereits zuvor war sie von den südafrikanischen Eigentümern mit 28 zusätzlichen Suiten ausstaffiert worden, das Verhältnis von Passagieren (480) und Besatzung (250) wurde auf zwei zu eins gebracht, und der DDR-Generalmanager der "Arkona", Klaus Wenzel, holte nur Spitzenkräfte der Hotellerie seines Landes an Bord – einen der sieben besten Küchenchefs sowie Servicepersonal aus den Interhotels, deren Vermarktung ebenfalls Wenzel obliegt. Die TUI stellt den Cruise Director, sie organisiert überdies das Bordprogramm und die Landausflüge.

Gehobene Mittelklasse

Versucht man, das Angebot einigermaßen unvoreingenommen zu betrachten, läßt sich die MS "Arkona" durchaus als Passagierdampfer der gehobenen Mittelklasse kategorisieren – Service, Unterhaltung und Verpflegung brauchen den Vergleich mit westlichen Offerten ähnlicher Art nicht zu scheuen – vorausgesetzt, man faßt es nicht als Zumutung auf, daß außer Beck’s Bier auch Radeberger Pilsener auf der Getränkekarte steht, vorausgesetzt auch, man betrachtet einen Abend mit mecklenburgischen oder thüringischen Spezialitäten als eine wohltuende Alternative zum Einerlei der internationalen Speisenauswahl.