Von Ulrich Schiller

Washington, im Juni

Zum letztenmal hatten wir wirklich eine vom Präsidenten vorgegebene Raumfahrtpolitik, als John F. Kennedy unseren Blick auf den Mond konzentrierte. Seitdem bewegen sich alle Entscheidungen nur noch um Gerät, ohne Sinn für Richtung." Dieser Stoßseufzer stammt von Thomas Paine, dem Mann, der eben erst am 22. Mai Pläne für eine bemannte Mondstation im Jahre 2005 und für eine Marsstation im Jahre 2015 vorgelegt hatte. Paine war der Vorsitzende einer von Präsident Reagan vor Jahresfrist eingesetzten Kommission für Perspektiven der zivilen Raumfahrt in den nächsten fünfzig Jahren.

Der Präsident hat sich zu den ehrgeizigen Plänen noch nicht geäußert. Der geschätzte Finanzbedarf von 700 Milliarden Dollar mag ihm angesichts des Haushaltsdefizits und der Kosten seines SDI-Projekts die Lust an solchen Projekten geraubt haben; das Publikum nahm die phantasievoll illustrierten Pläne der Plaine-Kommission eher für Science-fiction denn für Perspektiven einer nationalen Politik. Zu ernüchternd ist der Anblick einer gestrandeten Shuttle-Flotte, allzu gegenwärtig sind die Bilder des Feuerballs, in dem die Fähre Challenger mit sieben Astronauten an Bord zerrissen wurde.

Am Montag dieser Woche wurden die Ereignisse jenes 28. Januar der amerikanischen Öffentlichkeit wieder ins Gedächtnis gerufen. Die Rogers-Kommission übergab dem Präsidenten ihren Untersuchungsbericht. Als Reagan im Februar William Rogers zum Vorsitzenden der Challenger-Kommission berief, hoben zunächst viele Beobachter die Augenbrauen. Würde ein ehemaliger Außenminister, noch dazu im Schatten Henry Kissingers ein glückloser, eine so schwierige Aufgabe meistern? Würde Rogers als ehemaliger Regierungsmann nicht zu sehr auf Schonung der Nasa (National Aeronautics and Space Administration) bedacht sein? Als der Ingenieur Allan McDonald von der Firma Morton Thiokol, die die Feststoff-Startraketen für den Shuttle herstellt, in einer der ersten Sitzungen zu Protokoll gab, er habe wegen des Problems mit den Dichtungsringen angesichts des Kälteeinbruchs vor einem Start am nächsten Morgen gewarnt, sei von den Vorgesetzten in der Firma jedoch überstimmt worden, blockierte Rogers sofort die internen Nasa-Untersuchungen all jener, die selbst am Startverfahren beteiligt waren.

Rogers hielt auch den Kongreß von parallelen Anhörungen ab, um das Verfahren zu konzentrieren, und er ging mit allen wesentlichen Erkenntnissen der Kommission sofort an die Öffentlichkeit. Unter allen Umständen wollte er Zwielicht vermeiden, umgetrieben von der Sorge, offene Fragen und Kontroversen könnten – wie nach dem Bericht der Warren-Kommission zur Ermordung Kennedys – auch nach der Challenger-Tragödie die Nation jahrzehntelang plagen.

In mehr als 35 Sitzungen wurden 160 Zeugen vernommen. Die Protokolle allein umfassen 12 000 Seiten. Mehr als 6300 Dokumente, über 120 000 Seiten, dazu Hunderte von Photographien wurden ausgewertet. Dabei soll der entscheidende Fund einem Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes gelungen sein, der Anfang Mai bei Durchsicht der Geschäftspapiere der Firma Morton Thiokol in Brigham City im Staate Utah herausfand, daß ein Nasa-Beamter im Juli vorigen Jahres die Dichtungsringe zwischen den einzelnen Segmenten der Schubrakete als fehlerhaft und gefährlich befunden und einen Startvorbehalt für weitere Shuttle-Flüge verfügt hatte. Der Beamte widerrief später seine eigene Entscheidung, obwohl, wie sich dann erwies, die Konstruktionsmängel und -risiken der Abdichtung der Verbindungsstellen gegen ausströmende heiße Gase von einigen Nasa-Ingenieuren schon seit 1977 diskutiert wurden.