Von Dieter Buhl

Washington, im Juni

Der Blick von der sechsten Etage des State Department reicht weit über Washingtons großzügige Parkanlagen, die die Monumente für die Unsterblichen unter den Präsidenten säumen. Der Diplomat, der viele Jahre in Europa gedient hat, genießt diese Aussicht offensichtlich immer noch wie ein lange entbehrtes Geschenk. Mit Überzeugung in der Stimme versichert der Beamte dem europäischen Besucher denn auch, wie angenehm es sich hier leben läßt und welch ein gutes Land Amerika ist. Die Hymne klingt spontan. Dennoch wirkt sie so, als soll sie kritischen Fragen des Gastes von vornherein die Spitze nehmen.

Zu fragen gibt es in der Tat genug für einen Westeuropäer, der in diesen Tagen die amerikanische Hauptstadt besucht. So viele Meinungsverschiedenheiten und Mißverständnisse wie jetzt haben das atlantische Bündnis selten belastet. So sehr wie im Augenblick hat der amerikanische Drang zum Alleingang Europa wahrscheinlich noch nie verwirrt. Was, beispielsweise, will der Präsident mit der Ankündigung bezwecken, künftig den Vertrag über die strategische Rüstungsbeschränkung nicht mehr zu beachten? Warum hat sich Washington vor zwei Wochen im Gegensatz zu allen Verbündeten geweigert, das Schlußdokument der KSZE-Menschenrechtskonferenz in Bern zu unterschreiben? Wie stehen die Europäer in Amerika nach ihrer Weigerung da, die Luftangriffe auf Libyen zu unterstützen? Welche Gefahren bergen die protektionistischen Anwandlungen des US-Kongresses für die Wohlfahrt des Westens?

Es fällt auf, wie unterschiedlich die Symptome der Entfremdung bewertet werden. Wer die europäischen Sorgen kennt, wer zumal an die aufgerauhten Nerven der Deutschen gewöhnt ist, der kann sich über die Gelassenheit in Washington nur wundern. Atlantische Krise? Rüstungswettlauf? Amerikanisch-sowjetische Eiszeit? Die Schlagwörter, die vielen Europäern den Schlaf rauben, werden in der amerikanischen Kapitale fast nur in Verbindung mit einem Konjunktiv benutzt. Alles halb so schlimm – heißt die Devise in den Amtsstuben. Selbst auf dem Kapitolhügel werden die außenpolitischen Perspektiven vorwiegend in Pastellfarben gezeichnet.

Wo Wohlgefühl und Zufriedenheit dermaßen dominieren, sind Zweifel und kritische Selbstbetrachtung wenig gefragt. Davon profitiert besonders der Präsident. Die moralische Aufrüstung, die er Amerika verordnet hat, kommt ihm zugute. Kritik an Ronald Reagan ist deshalb nur selten zu hören, und Witze über ihn sind anscheinend völlig passé. Sogar die politischen Gegner sind noch immer in seinen Bann geschlagen und hüten sich vor schroffen Worten. Sie haben zu oft erfahren müssen, wie der große Kommunikator die Volksmeinung für seine Ziele und gegen ihre Einwände in Bewegung setzte.

Für einen Präsidenten, dessen Ära sich langsam dem Ende zuneigt, strahlt Reagan weiterhin viel Überzeugungskraft aus. Mit seiner Absage an Salt II strapaziert er sie möglicherweise jedoch zu sehr. Die Diplomaten des State Department mögen sich, wenn auch leicht resigniert, der Autorität des Weißen Hauses beugen: "Wir haben einen guten Kampf gekämpft und verloren." Im Kongreß sind härtere Stimmen zu hören: "Warum in aller Welt", fragt ein demokratischer Abgeordneter erbost, "sollen wir einen Vertrag aufgeben, der uns bei der Raketenrüstung wenig und den Sowjets eine Menge Zurückhaltung auferlegt?"