Schwer und feucht und flach liegt die Marsch in dunklem Grün. Rostig steht der Sauerampfer auf den Wiesen, rötlich blüht der Klee, gelb der Hahnenfuß, weiß der Kälberkropf – in stumpfem Grau droht das Kernkraftwerk am Deich. Ein paar Tausend friedliche Demonstranten haben sich zur Kundgebung auf dem Parkplatz versammelt.

In einiger Entfernung, an der Umzäunung des Kraftwerkes Brokdorf, ein Geplänkel im Gange: Autonome werfen mit Steinen, schießen Leuchtraketen ab. Doch sie können kaum Schaden anrichten. Vor ihnen ein hoch gefluteter Wassergraben, dahinter ein unüberwindlicher Bauzaun mit Natodraht. Auf einem fest installierten Wasserwerfer sitzt – hinter Plexiglas gut geschützt – ein behelmter Polizist und hält sie auf Distanz. Gegen 15 Uhr zieht eine Polizistenkette auf. Sie treibt die Gewalttäter in die friedliche Menge. Die Kundgebung läuft noch.

Ohne Vorwarnung fliegen plötzlich drei Gasgranaten aus der Polizeikette zwischen die völlig überraschten und verstörten Demonstranten. Frauen schreien, Männer weinen, Kinder klammern sich mit schmerzverzerrten, knallroten Gesichtern an ihre Eltern. Nur weg hier – doch wohin? Dichtgedrängt stehen Tausende auf dem Platz, rundherum doppelte Wassergräben, Stacheldraht und Elektrozäune – ein schnelles Entkommen ist unmöglich. Richter, Apotheker, Architekten, Lehrer, Ärzte, Landwirte, Studenten, Schüler, Handwerker – sie spucken und keuchen, versuchen sich mit Tüchern vor dem Gas zu schützen, das in weißen Schwaden über den Platz kriecht. Es brennt im Gesicht und in der Lunge und schnürt die Kehle zu – CS-Gas! Einige junge Leute ziehen Gasmasken auf, andere haben Wasser zum Spülen dabei. Einige behelfen sich mit Cola, die sie sich übers Gesicht gießen.

Dem besonnenen Mann am Mikrophon des Lautsprecherwagens ist es zu danken, daß die Menschen die Nerven behalten. Immer wieder mahnt er zur Ruhe. Nicht auszudenken, wenn Flüchtende jetzt stolpern, liegenbleiben, zertrampelt werden ... Erfahrene Demonstranten helfen an den Wassergräben. Einzeln springen die Menschen hinüber, von jeweils zwei Leuten auf der anderen Seite aufgefangen. Einige werden in Decken davongetragen.

15.30 Uhr. Der schleswig-holsteinische Innenminister Karl-Eduard Claussen erklärt den Journalisten im Polizei-Pressezentrum zu Itzehoe, zur Zeit werde das gesamte Gelände um das Kraftwerk geräumt. Betroffen seien nicht nur die gewalttätigen Demonstranten, sondern auch die friedfertigen. Die genehmigte Kundgebung auf dem Parkplatz sei schließlich von den Veranstaltern selbst für beendet erklärt worden. Die Polizei habe die Demonstranten aufgefordert, das Gelände zu verlassen. Wer sich nicht daran halte, müsse nun mit polizeilichen Maßnahmen rechnen. "Die werden wahrscheinlich auch über Gräben springen müssen."

18 Uhr. Der Minister behauptet, auf dem Gelände unmittelbar vor dem Kraftwerk habe man, wie immer vor Räumungen und vor dem Einsatz von Wasserwerfern "mindestens" drei Mal "und eine ausreichende Zeit vorher", von drei bis zu 15 Minuten, die Menschen gewarnt. Als ein Journalist berichtet, er sei Zeuge des Gasangriffs geworden, vor dem die Polizei nicht gewarnt habe, schränkt ein Polizeisprecher ein: "Wir können nicht beschwören, daß überall gewarnt wurde – keine Regel ohne Ausnahme."

Vom Gas getroffen wurde auch der Hamburger Amtsrichter Bernd Hahnfeld, 46 Jahre alt. Gemeinsam mit anderen Richtern und Rechtsanwälten, die sich auf dem Platz befanden, will er bei der Staatsanwaltschaft Itzehoe wegen gefährlicher Körperverletzung Strafanzeige gegen den Einsatzleiter und die handelnden Polizisten stellen.