Plakate, darauf achtete eine Verordnung, durften im Frankreich der III. Republik keine leeren, weißen Stellen aufweisen. Offenbar irritierte die neue öffentliche Zeichensprache die Verfechter der traditionellen Kunstregeln. Es galt, die flotten Zeichner zu zügeln und ihnen jene Tugend zur Pflicht zu machen, die der Bürger immer am Künstler schätzt: den Fleiß. Wen Ausführlichkeit beeindruckt, dem bedeutet die Kunst des Weglassens Verschwendung und obendrein Müßiggang.

Mallarmé übte diese Kunst auf den überwiegend weißen Seiten seines "Würfelwurfs", und schon Rimbaud machte in seiner "Alchimie du verbe" das Schweigen, in den Plural versetzt, zum Gegenstand seiner Poesie. Auch Toulouse-Lautrec gewann seine Sprachmittel aus der Ökonomie des Weglassens. Sein druckgraphisches Werk versammelt die lärmende, prickelnde Welt des großstädtischen Vergnügens in getuschten, gesprühten, bald ätzenden, bald milden Destillaten, die so riskant und fragwürdig sind wie die Lebensumstände, die sie festhalten. Diese graphischen Chiffren sind zugespitztes Understatement, ihre Askese tritt in diskreter Eleganz auf. Randzonen der Leere umstellen diese Männer und Frauen, sie pressen ihrer Körpersprache den Umriß von Kunstfiguren ab. Zugleich wird die Nicht-Form der Hintergründe und Zwischenräume formmächtig und bewirkt gewagte Flächenordnungen – "Würfelwürfe", die Gebärden zu Arabesken gerinnen lassen, Sekundenereignisse, vom bannenden Medusenblick des Zeichners gestellt.

Toulouse-Lautrecs genauer Blick erfaßt auch die Kehrseite dieser Schaustellungen. Sie ist von der Trauer lebenslanger Ermattung gezeichnet. Davon spricht ein Rücken, eine Brust.

Doch das sind keine fixen Kürzel, wie sie das Publikum der Witzblätter amüsieren. Toulouse-Lautrec ist nichts weniger als ein Spötter, er gibt anatomische Protokolle, die dem desolaten Körper seine Würde belassen und ihn unantastbar machen. Das macht diese Kreaturen so vielsagend wie den rätselhaften Plural, den Rimbaud dem Schweigen erfand, und so verführerisch wie die alten Wörter, die Mallarmé zu neuen Figuren ordnete. Toulouse-Lautrec ist wieder einmal zum Star unseres Ausstellungsbetriebes geworden. In New York und Hamburg bewies er unlängst seine Anziehungskraft, in Berlin und Tübingen wird es demnächst nicht anders sein. Mit diesen Würdigungen trifft ein Buchereignis zusammen, dem höchste Anerkennung gebührt: Wolfang Wittrock legt den zweibändigen Katalog des druckgraphischen Gesamtwerks vor. Er verzeichnet alle Lithographien, Plakate, Monotypien und Radierungen – insgesamt 368 Werke. Der wissenschaftliche Kommentar gibt erstmals Auskunft über die Anzahl der angefertigten und der erhaltenen Drucke, er beschreibt genau die verschiedenen Zustände (auch die verworfenen) und nennt die wichtigsten öffentlichen Sammlungen. In mehr als fünfjähriger Arbeit hat Wittrock diese Informationen aus etwa 50 Sammlungen zusammengetragen – eine Leistung, deren Akribie ihre Entsprechung in der hervorragenden Qualität der Abbildungen hat. Besonders eindrucksvoll ist das Nebeneinander der verschiedenen Phasen der Farblithographien, es zeigt, daß das Endergebnis das Ineinandergreifen von "Leeren" ist.

Anthony Griffiths führt in die drucktechnischen Abläufe ein, von denen der formale Rang der Kunstware Lithographie bestimmt wird, und Richard Thomson steuert einen Essay über Toulouse-Lautrecs Bilderwelt bei. Die beiden Aufsätze erhellen die technischen und gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen damals Tageskunst, Gebrauchskunst entstand, und der opulente Werkkatalog zeigt, was hundert Jahre danach daraus geworden ist: Parabeln intimster Menschlichkeit. ("Henry de Toulouse-Lautrec – Bilder der Belle Époque – Gemälde, Zeichnungen, Lithographien; herausgegeben von Wolfgang Wittrock und Riva Castleman; Prestel Verlag, München, 1985; 292 S., 300 Abb.; 98,– DM.)

Werner Hofmann