Von Esther Knorr-Anders

An jenem Tag hatte sie gesagt: "Eine glückliche Ehe ist das Fürchterlichste, was zwei Menschen erleben können. Diese ewige Angst um den anderen: daß er krank wird, daß ihm etwas zustößt, daß er stirbt. Zu irgendeiner Stunde ist es dann soweit. Nee, eine Liebesehe ist kein Vergnügen." Sie war in die Wohnung zurückgeschlurft. In der Diele stand das Telephon. In ihrer Eigenschaft als Hausmeisterin des alten, komfortablen, vierzehn Mietparteien beherbergenden Gebäudes meldete sie der Polizei den eben von ihr entdeckten Doppelselbstmord. Er hatte in der Mansardenwohnung stattgefunden.

Das Philemon-und-Baucis-Finale des klassischen Modellpaars der Antike – dort allerdings durch göttlichen Gnadenakt und nicht durch Gemeinschaftssuizid herbeigeführt – ist eine Seltenheit. Alltäglichkeit hingegen ist, daß einer von beiden Ehepartnern früher stirbt als der andere. Des einsamen Hinterbliebenen, egal ob Mann oder Frau, bemächtigt sich die Hölle. Sie dauert, wenn der Überlebende Pech hat, so lange, wie das eigene Leben währt; hat er Glück, beschränkt sich die Seelenqual auf ungefähr zwei Jahre. Dann erst ist der Verlust des geliebten Menschen mit der neuen Lebenswirklichkeit einigermaßen in Einklang gebracht worden. Ein perfekt funktionierendes Stillhalteabkommen wurde mit der strapazierten Psyche geschlossen, das nur manchmal durch heranflutende Erinnerungen außer Kraft gesetzt wird.

Die im folgenden zu Worte kommenden Witwen waren zwischen zwanzig und vierzig Ehejahren mit ihrem Gefährten verbunden, und zwar in gelungener Partnerwahl. Wären sie schlecht und recht oder gerade noch erträglich verheiratet gewesen, hätten sie es nach dem Ableben des Gatten leichter gehabt. Der Grad der Zuneigung bestimmt den Grad des Verlustschmerzes. Für diesen Bericht waren ausschließlich Frauen die Gesprächspartner. Nicht, weil Witwen möglicherweise anderer Trauerempfindung unterliegen als Witwer, sondern weil sie mit Gewißheit Widrigkeiten durchzustehen haben, mit denen ein hinterbliebener Ehemann nur selten, in der Regel nie konfrontiert wird.

Den Anfang bildet gewöhnlich die schleichende Isolation, das Wegbleiben von jahrzehntelangen "guten" Freunden. Einladungen werden nicht mehr ausgesprochen. Hauswirt und Hausmeister sind plötzlich der Überzeugung, Anordnungsbefugnis gegenüber der alleinstehenden Frau zu haben. Zunächst aber beginnt, noch vor dem Beerdigungstag, die vom Arzt des Vertrauens, meist dem Hausarzt, empfohlene und sofort eingeleitete Trauerüberwinaung mit der Verabreichung von Psychopharmaka.

"Ja, und es half auch", erzählt die erste Gesprächspartnerin. "Ohne die Pillen hätte ich das Begräbnis, das ganze Drumherum, nicht geschafft. Es war, als wäre ich durch die Präparate gedoppelt worden. Ich sah mir selbst zu. Da trat jemand vor, warf Blumen auf den Sarg. Das war ich. Mit dem Toten hatte ich nichts zu tun. Es hätte ein Fremder sein können. Ich mußte nur nach Hause gehen, dann würde mein Mann auf dem Balkon stehen und mir zuwinken."

Der Ehemann war an einem Sonntagmorgen gestorben. Vor der geplanten gemeinsamen Wanderung hatte er noch die Aquariumsfische füttern wollen. Etwas brachte ihn zum Lachen. "Komm mal her, das ist drollig", rief er seiner Frau zu – und sank zusammen. Der Tod war sekundenschnell eingetreten. Die Eheleute waren geschätzte und beliebte Bürger der Stadt. Selbstverständlich hatten sie Freunde; die üblichen und darüber hinaus die echten. Die echten blieben der Witwe weiterhin verbunden. Das Leid zu mildern, vermochten sie nicht.