So beiläufig wie Friedrich Zimmermann hat einen Mächtigen noch selten der Bann getroffen. Niemand protestierte, nicht einmal Franz Josef Strauß und Theo Waigel, die beiden Matadore der CSU, erhoben ihre Stimme, als ihr altes Schlachtroß von Bundeskanzler Helmut Kohl in die hintere Box geschoben wurde. Institutionell verlor der Bundesinnenminister die Kompetenz für den Umweltschutz und damit zwei Abteilungen seines Hauses mit insgesamt 182 Mann. Politisch mußte er alles abgeben, worauf er selber in seinem Ressort Gewicht gelegt hatte. Mit dem Umweltschutz, auf den er sich zur Verblüffung seiner Gegner von Anfang an energischer stürzte als auf seine Polizeiministerpflichten, hatte Zimmermann persönlich beweisen wollen, daß ein Konservativer allemal besser zum "Oberförster der Nation" geeignet ist als ein Liberaler, ein Roter oder Grüner. Doch überstieg sein Engagement seine Möglichkeiten.

Deutlich wurde das zum ersten Mal bei seinem Totaleinsatz für das schadstoffarme Auto. Zwar ging er keiner Auseinandersetzung mit den deutschen Chefs der Automobilbranche aus dem Wege; aber die europäische Dimension seines Vorhabens erkannte er erst, als Franzosen und Italiener längst davon überzeugt waren, daß Zimmermanns Kampf für den Katalysator nur ein besonders infamer Angriff auf ihre nationale Kleinwagen-Produktion war. Das monatelange Tauziehen um die deutschen Forderungen hinterließ in Brüssel eine Menge verletzter Nationalgefühle und in Bonn viel Frust über nicht eingehaltene Versprechen des Innenministers. Seine Kritiker verspotteten ihn seitdem als "Ankündigungsminister".

Aber entscheidend für seinen Fall war sein schlechtes Verhältnis zum Bundeskanzler. Es war nie so gut, wie Franz Josef Strauß geargwöhnt hat, aber irreparabel wurde es erst, als Fritz Zimmermann nach der an die SPD verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai vergangenen Jahres wieder einmal der Kragen platzte. Öffentlich kritisierte er Kohls Führungsstil und mahnte seinen Beistand bei der Reform des Ausländerrechts an. Der Bundeskanzler vergaß ihm das nicht. Doch zu spüren bekam der Bundesinnenminister das zu einem Zeitpunkt, als Widerspruch objektiv nicht möglich war. Auf diese Weise wurde die Quittung zur unauffälligen Klarstellung – eine Leistung, die jeden beeindruckt, der sich von Herrschaftstechnik faszinieren läßt.

Der auslösende Faktor für den lange vorbereiteten Entschluß, Walter Wallmann zum Umweltschutzminister zu machen, war die Katastrophe von Tschernobyl und Zimmermanns Unfähigkeit, die Erregung der Bevölkerung zu erkennen und angemessen auf sie zu reagieren. Sein forscher Auftritt im Fernsehen, bei dem er versuchte, die Strahlengefahr klein zu reden statt die Ängste der Bevölkerung ernst zu nehmen, ließ selbst seine Parteifreunde verzweifeln. Als Theo Waigel der CSU-Landesgruppe Kohls Entschluß mitgeteilt hatte, wurde Zimmermann zwar in einzelnen Wortmeldungen menschliche Sympathie signalisiert, aber daß Kohl "Handlungsbedarf" hatte, konnte niemand leugnen. "Bayern hat als erstes Bundesland ein eigenes Umweltschutzministerium gehabt." Der Entschluß des Bundeskanzlers galt in der CSU im Prinzip als "eine gute Sache".

Ihre Zustimmung wurde ihnen von Franz Josef Strauß erleichtert. Als sie informiert wurden, hatte er sein Plazet schon gegeben. Pro forma wurde in der Landesgruppensitzung gefragt, warum dem Chef die Zustimmung denn so leicht abzuhandeln gewesen sei. Doch wußte jeder: Auch bei ihm hat Fritz Zimmermann noch eine offene Rechnung stehen. Seit der Auseinandersetzung über den Termin der Neuwahlen im Oktober 1982 – Strauß plädierte für sofortige Neuwahlen, um der FDP den Garaus zu machen – hat sich bei dem CSU-Chef die Meinung festgesetzt, daß Zimmermann gemeinsame Sache mit Helmut Kohl gemacht hatte, um seine Pläne zu konterkarieren.

Nach seinen Freunden in der CDU zu fragen, ist müßig. Der Schwesterpartei war Fritz Zimmermann schon immer herzlich zuwider. Seine Unfähigkeit, das Klima zu pflegen, trug zu dieser Abneigung bei. Vorgeworfen wird ihm vor allem, daß er so ist, wie er ist: ein Mann, der nur schwarz-weiß sieht und Grautöne nicht kennt; einer, der sich abkapselt und einsame Entscheidungen trifft, statt das Gespräch zu suchen, einer, dessen Naturell die Konfrontation näher liegt als der Kompromiß – kurz, ein Mann, der nach dem Motto lebt: "Indianer kennen keinen Schmerz."

Gemessen an dem "Eckpfeiler der Koalition", als der Friedrich Zimmermann einmal galt, steht er heute als großer Verlierer da. Doch Niederlagen werfen diesen CSU-Politiker nicht mehr um. Seinen Platz im politischen Stellwerk der Bundesrepublik hält er schon seit dreißig Jahren. Zimmermann wird vermutlich auch dieses Tief seiner Laufbahn überleben. Nina Grunenberg