Von Horst Bieber

Würzburg im Juni

Petrus war der unfreundlichste Gast. Ausgerechnet während des ersten Deutschen Umwelttages, der am vergangenen Wochenende in Würzburg stattfand, hingen Regenwolken über der Bischofsstadt, aus denen es mit kurzen Unterbrechungen nieselte. Das "Dezentrale Landwirtschaftsfest" auf der Festung und der Öko-Markt in den Mainwiesen gerieten zu Schlammpartien, die vielen Freiluftveranstaltungen liefen, wenn überhaupt, mit regenschirmgedämpfter Fröhlichkeit ab – angesichts der investierten Zeit und Mühe schmerzlich – ungerecht für Veranstalter und Besucher.

Dennoch entsprach das Wetter, alles in allem, Stimmung und Erfolg des Treffens, zu dem der Deutsche Naturschutzring (DNR), der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), der Deutsche Bund für Vogelschutz (DBV), die Katholische Landjugendbewegung (KLJB), die Verbraucher-Zentrale und der World Wildlife Fund Deutschland aufgerufen hatten. Als der Termin festgelegt wurde, redete niemand von Tschernobyl, und Tschernobyl bestimmte jetzt den Ablauf positiv, weil die einhellige Ablehnung der Kernkraft ein zusätzliches, einigendes Band schuf; negativ, weil Union und Freie Demokraten dem Fest in der Furcht fernblieben, es könne sich zu einem parteipolitischen Anti-Regierungs-Spektakel entwickeln. Das wurde es auch nicht, obschon die etwa 20 000 zumeist jungen Besucher eher für grüne (weniger für sozialdemokratische) Positionen Beifall klatschten, nicht immer im Sinne der Veranstalter. Daß durch die Absage von Unions- und FDP-Politikern, durch die Sperrung bereits zugesagter staatlicher Gelder, durch das Fernbleiben von Industrie- und Wirtschaftsvertretern (von wenigen Ausnahmen abgesehen) dieser Umwelttag eine gewisse Einseitigkeit erhielt, haben nicht die Veranstalter zu verantworten; das geht auf das Konto der Verweigerer, die eine Chance verpaßten, ihre Auffassung vorzutragen.

Denn der Umwelttag diskutierte in Foren und Arbeitskreisen. Sein Motto "Ja zum Leben – Mut zum Handeln" wollte zum Nennwert genommen sein, als Suche nach Wegen und Auswegen aus einer Industriegesellschaft, die auf dem besten Wege ist, die eigenen Grundlagen zu zerstören. Ein in seiner Vielfalt nicht mehr zu überschauendes Kaleidoskop von Einzelsünden ergibt ein bedrohliches Bild, das Mut zum Handeln und zur Umkehr verlangt. Das "große Rezept" besitzt niemand; so wie die Natur ein vernetztes System gegenseitiger Abhängigkeiten darstellt, so muß auch die Rettung der Umwelt in vielen kleinen Schritten erfolgen. Fest steht, daß die Suche nach dem großen Sprung nicht länger eine Rechtfertigung sein kann, die kleinen Schritte hinauszuzögern.

Insoweit herrschte in Würzburg Einigkeit. Doch viel weiter ging sie nicht, konnte sie wohl auch nicht gehen, und zwar aus Gründen, die vor zehn Jahren schon einmal debattiert wurden: Wenn man sieht, daß zur Rettung der Umwelt die Politik sich ändern muß, wird die Frage unausweichlich: Wie hält man’s mit der (Partei-)Politik?

Große Gruppen hat diese Frage gar nicht beschäftigt. Viele kamen, um – im guten Sinn des Wortes – ein Fest mit Gleichgesinnten zu feiern. Viele waren froh, sich als Mitglieder einer inzwischen großen Gemeinde zu entdecken, die es an speziellem Sachverstand mit Wissenschaftlern aufnehmen kann. Andere Gruppen und Personen demonstrierten auf einer Öko-Messe, daß sich ein neuer Markt entwickelt, daß viele Projekte das Stadium der Hinterhof-Bastelei schon lange verlassen haben. Manche protestierten – zum Beispiel die Landwirte – als Minderheit gegen die Haltung der Mehrheitsinteressenverbände. Aber jenseits solcher oft bescheidenen Vorstellungen erhob sich immer wieder die Frage: Wie beeinflußt man die Politik? Nur durch Vernunft, damit auch die Blinden sehen lernen? Allein durch die Formulierung von Einzellösungen, um sozusagen den Parlamenten die Denkarbeit abzunehmen?