Der Arbeitsmarkt bewegt sich nicht, die optimistischen Prognosen blieben bisher unerfiillt

Es ist immer das gleiche. Wenn am Anfang eines Monats Heinrich Franke, der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, die neuesten Zahlen vom Arbeitsamt verkündet, dann gibt es gleichzeitig Beifall und Kritik. Und ob nun stolze Erfolge bejubelt oder finstere Aussichten beklagt werden, ist eine Frage der politischen Optik. Dabei wäre es kein großes Kunststück, die Daten aus Nürnberg halbwegs objektiv zu sehen.

Nehmen wir den Monat Mai. Da ging die Arbeitslosenquote von 9 auf 8,5 Prozent zurück, das waren 108 100 Arbeitslose weniger als im April. Schaltet man allerdings die rein jahreszeitlichen Einflüssen zu verdankende Verbesserung aus, dann hat sich von April auf Mai so gut wie nichts bewegt. Das kann nur heißen: Die Konjunktur, der immer noch andauernde Aufschwung, brachte kaum einen Arbeitslosen vom Markt. Oder in der trockenen Sprache des Statistikers: "Die saisonbereinigte Arbeitslosenzahl ging im Berichtsmonat nicht weiter zurück, nachdem sie im April deutlich abgenommen hatte."

Bescheidenheit ist also angebracht; denn die fast berauschenden Prognosen vom Winter und Frühjahr versprachen mehr. "In jedem Fall wird in diesem Jahr die Arbeitslosenzahl merklich geringer als im Vorjahr ausfallen", hieß es im Januar im Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung. "Zum erstenmal seit 1979 wird es sowohl im Verlauf als auch im Durchschnitt des Jahres zu einer Abnahme der Arbeitslosenzahl kommen", versprach Ende April das Gemeinschaftsgutachten der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute.

Machen wir die Probe aufs Exempel. Im Mai lag die Zahl der Arbeitslosen in der Bundesrepublik mit 2,12 Millionen um 70 650 unter dem Wert des gleichen Vorjahresmonats. Doch wenn man weiß, daß seit Anfang des Jahres rund 38 500 ältere Arbeitslose aus technischen Gründen aus der Statistik "herausgefallen" sind, dann sieht der Erfolg ganz schön bescheiden aus. Selbst Franke flüchtet sich da in vage Formulierungen: "Alles in allem hält die Besserung der Beschäftigungslage wohl an, auch wenn sich die Aufwärtsentwicklung im Vergleich zum letzten Herbst verlangsamt hat." Skepsis also auf der ganzen Linie.

Auch die OECD hat nun in ihrem Wirtschaftsausblick, der ansonsten für die Bundesrepublik günstig ausfällt, ein paar Fragezeichen hinter das Thema Arbeitsmarkt gesetzt. "Die Arbeitslosigkeit", so heißt es, "die in den ersten drei Jahren des Aufschwungs weiter zugenommen hatte, wird vermutlich zu sinken beginnen, wenn sich auch der Umfang des Rückgangs nicht absehen läßt."

Eine wacklige Prognosen die von den Pariser Experten so erklärt wird: Aus der auf eine Million geschätzten "stillen Reserve" werden sich vor allem viele Frauen auf den Arbeitsmarkt zurückmelden. Dieser Trend ist bereits deutlich zu spüren, und da er sich bei günstiger Konjunktur erfahrungsgemäß verstärkt, bleibt von neu geschaffenen Arbeitsplätzen nicht viel übrig, um Arbeitslose einzustellen.