Dreizehn Jahre, weit über viertausend Vorstellungen en suite am Broadway, weltweite Nachinszenierungen der immer gleichen "Original-Choreographie" (1980 auch im Berliner "Theater des Westens" in ungefährem Deutsch) – "A Chorus Line" hält den Rekord als erfolgreichstes Musical in der Geschichte, und Frau Baayork Lee jettet in die Metropolen, um hier wie da die linken und die rechten Beine, Zylinderwürfe und Ensemble-Pirouetten in gleiche Originalschwünge zu versetzen. Anglo-amerikanische Musicals gehorchen der Coca-Cola-Vorschrift: Die Mutterfirma überwacht die Echtheit und sorgt streng für die Beinahe-Identität mit dem ein- für allemal abgesegneten Originalentwurf (wovon Brecht mit seinen Modell-Inszenierungen nur träumte).

Dieses Lizenzverfahren, quasi ein Kunst- Franchising, kennt man mittlerweile von den Lloyd-Webber-Tophits "Evita", "Cats" und ähnlichen. Es ist auch nicht weiter zu tadeln, denn all diese Musicals bedürfen keiner weiteren Interpretation, sondern lediglich der Ausführung. Ihnen liegen nicht, wie noch "My Fair Lady" oder der "Westside-Story", Theaterstücke zugrunde, hier werden formale Bausteine zu einem Puzzle-Bild gefügt. Licht, Bewegung, Gruppenmanöver und Solo-Pausenzeichen schieben sich wie bei einem kinetischen Objekt in-, durch-, und wieder auseinander, und wir sitzen (im günstigen Fall) mauloffen vor den bunten Folgen eines Menschenkaleidoskops. Handlung ist sekundär, allenfalls Gleitmittel, Musik nur Treibstoff; worauf es ankommt, ist das Auf und Ab der Kolben bei der Verbrennung.

Die Bewegungsmuster, die Pracht des Drills, die Stereometrie der Leiber sind der Lohn solcher Arbeiten. Diese Musicals nähern sich den Revuen und Girlparaden der zwanziger bis vierziger Jahre, den Ziegfeld-Follies und den Geometrie-Explosionen Busby Berkeleys, die wir in alten Filmen noch immer bestaunen können: Berlin-Paris-Hollywood, hoch die Beine, raus den Hintern und seitab die Arme! "Girls", sagte damals Alfred Polgar, "sind ein sogenanntes ‚plurale tantum‘... Ein Girl gibt es nicht. Erst wenn sie ein Wesen mit vierundzwanzig Beinen geworden sind, führen sie den Namen zu Recht." Und Busby Berkeley, der größte aller Arrangeure menschlichen Dekors, war zuvor Exerzierkorporal im Ersten Weltkrieg.

Erstaunlicherweise mißtraute die Verfilmung von "A Chorus Line" der Faszination durch ein Strickmuster; Regisseur Richard Attenborough brach mehrmals aus in den Versuch, durch Rückblenden und Schauplatzwechsel so etwas wie Handlung einzuschmuggeln, was jedoch nur den Sog der schieren Bewegung störend unterbrach. Nein, Handlung ist hier unsinnig, niemanden interessieren die "menschlichen Hintergründe" der siebzehn Boys & Girls ernstlich; es genügt in der Tat, daß sie, zwischen ihren Tanz-Exerzitien, kurze Abrisse ihrer verpfuschten, komischen, durchschnittlichen Biographien über die Rampe reichen. Denn wie sich ja herumgesprochen hat, geht’s in diesem Musical um die audition, um das Vortanzen derer im vierten Glied, die im Eilverfahren für eine Produktion ausgesiebt und eventuell mit einem Job belohnt werden (der erwähnte Berkeley prahlte damit, aus 723 Bewerberinnen nach stundenlangen auditions ganze drei gewählt zu haben).

Und nun also ist die authentische Original-Inszenierung aus New York bei uns zu Gast im alten Europa – bis zum 18. Juni in Zürich, danach in München.

Halblang, Leute: es gibt vier oder fünf Original-Tournee-Truppen gleichzeitig, wie es ja auch mehrere Hiltons, McDonalds oder Pershings gibt; wichtig ist, wie angedeutet, daß überall alles gleich ist und gleich funktioniert. Und weil Frau Baayork Lee dies überwachte, tut es das auch bei "Chorus Line". Zack – sind sie da in Zürichs Opernhaus und – Hallo – fetzen sie nach links und hinten und werfen und reißen, vervielfältigen sich vor Spiegelwänden und singen dazu, ganz prächtig, sagen ihre Storys auf in allen Dialogen von Texas hoch zur Bronx: die Schwulen, die Unterdrückten, die Kinderreichen und die Ballettomanen. Man lacht über ihre Pein, freut sich über den Slang. Und man hört drüber hinweg, daß Marvin Hamlischs Musik kaum Melodien und nur immer wiederkehrende Treib-Rhythmen kennt. Aber halt der Schliff, die Präzision, diese Parallelfiguren, als sähe man in ein Prismenglas.

Ein paar schon sehr gesetzte Zürcher verließen vorzeitig ihr Opernhaus. Der Applaus am Ende war schon deshalb dünn, weil es seltsamerweise keine Vorhänge gibt; niemand verbeugte sich, nicht einmal die Musiker (die etwas zu laut schmetterten). Ach, was war das vor sechs Jahren in Berlin erheiternd gewesen. Da hatte der Senat eine Sonntagnachmittags-Vorstellung komplett zur Altenbetreuung gekauft, und als nun nichts weiter passierte als Hüpfen und Springen und dazwischen nur ein paar Hinterhofmonologe zu hören waren, da regten sich die Berliner Alten auf. "Wat solln det?", so ging’s an, und als dann der Song von "Titten und Arsch" erschallte, nach all dem Homo- und Hetero-Gequäle zuvor, gab’s ein geballtes Aufbruchs-Hallo im Patent, und "Unerhört!" rief’s da und "Schluß mit die Sauereien" dort und "Der lassn wa uns nu doch nich bieten, kommse mit, Frau Schulze!" Es war wunderbar.

Michael Skasa